Zur Sicherheit

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„Wir behalten Ihr Baby hier. Zur Sicherheit. Das wäre ein guter Zeitpunkt, um abzustillen.“, meinen sie.

„Ich hatte nicht vor zu gehen.“, sagt sie. „Ich bleibe bei ihr.“

„Das geht nicht, wo sollen wir Sie denn unterbringen?“

„Ich bleibe und ich stille weiter.“

Hannah schrie die ganze letzte Nacht durch und hatte Fieber. Im Liegen waren ihre Schmerzen größer, als auf dem Arm ihrer Mutter, wenn sie sie senkrecht hielt. Samstagmorgen in die Klinik zu fahren und sich Rat zu holen, war eine vernünftige Lösung. Zur Sicherheit einmal durchchecken lassen. Hören, dass doch alles in Ordnung ist.

Sechs Wochen nach ihrer Geburt war Hannah wieder da, wo sie geboren wurde. Als Willkommensgeschenk erhielt sie sofort ein Breitbandantibiotikum und eine Braunüle in ihre Hand. Das klappte nicht auf Anhieb, ihre Hand war so klein und sie weinte vor Schmerzen. Sonografie an Kopf und Hüfte gehörten auch zum Rundum-Sorglospaket.

Auf der Intensivstation für Neugeborene lag sie neben vielen kleinen Körpern, die verkabelt an das Bett gefesselt waren. Hannah hatte jedoch Glück, ihre Mutter war bei ihr. Neben dem permanenten Piepen der Monitore, hörte sie die Schreie der anderen Babys, die ins Nichts verhallten und die Stimme ihrer Mutter, die neben ihr auf einem Stuhl saß. Evelyn hatte Hunger und Durst, traute sich aber nicht in die Kantine zu gehen oder auf die Toilette. Sie wusste, dass niemand kommen würde, wenn Hannah schreit und nach ihr sehen würde.

„Vielleicht hat sie nur eine Mittelohrentzündung?“, gab die Hebamme von Evelyn telefonisch Rückmeldung. Schließlich hatte Hannahs Vater gerade eine Erkältung und auch Evelyns Kopf war schwer und ihre Nase war zu. „Die sollen Hannah mal die Ohren untersuchen.“, sagte ihre Hebamme.

Evelyn bat um diese Untersuchung. Stattdessen bekam Hannah Nadeln in ihren Rücken und ihren Kopf geschoben. Am Sonntag wurde Hannah auf die Kinderstation verlegt. Da stand ein Bett für Evelyn und vor dem Monitor ein Wärmebett für Hannah. Evelyn fühlt sich schwach. Ihre Erkältung zog ihr die letzte Energie aus ihrem Körper. Die Energie, die sie für ihre Tochter so dringend braucht. Sie darf Hannah nicht in ihr Bett nehmen. Die Kinderkrankenschwester ist ruppig und untersagt ihr das. Hannah muss permanent verkabelt bleiben und überwacht werden. Zur Sicherheit. Außerdem soll Evelyn ihrer Tochter Urinbeutel kleben. Evelyn weiß nicht wie das geht und fragt nach. „Das bekommen Sie schon hin.“, erhält sie als Antwort. Zwei Tage später ist Hannah wund von den Klebeflächen und eine Probe kam nicht zustande. Nur noch eine Schmerzstelle mehr.

Hannah steht unter Quarantäne. Ein Schild an ihrer Zimmertür weist darauf hin, dass alle Besucher Mundschutz, Kittel und Handschuhe tragen müssen. Evelyn braucht das nicht zu tragen, wenn sie bei ihrer Tochter ist.

Am nächsten Tag ist eine andere Kinderkrankenschwester da. Sie baut um Evelyns Bett eine stabile Umrandung, damit Hannah auch im Liegen gestillt werden kann und Körperkontakt zu ihrer Mutter bekommen kann. Sie zeigt Evelyn, wie sie die Kabel lösen kann und was anschließend wieder wohin gesteckt werden muss. Hannah hat bis dahin bereits sechs erfolglose Punktierungen hinter sich. Lumbalpunktionen, bei denen Rückenmarksflüssigkeit aus dem Wirbelkanal gezogen wird. Evelyn durfte dabei nicht anwesend sein. Aber sie hat Hannah im Nachbarzimmer schreien hören, als drei Personen den kleinen Körper ihrer Tochter festhielten. Evelyns Körper schrie auch – bei jedem einzelnen Ton ihrer Tochter. Wer oder wie viele Menschen an Hannah versucht haben, die Nadel in den Wirbelkanal zu drücken, weiß sie nicht. Sie erfährt nur, dass ihre Tochter sich mächtig gewehrt hat.

Hannahs Rücken ist zerstochen, ihr Kopf auch. Blutabnahme bei Babys wird immer am Kopf gemacht. Täglich. Manchmal mehrmals am Tag.

Evelyn hat Hunger und Durst. Sie bekommt eine Karte, mit der sie sich Essen in der Kantine holen kann. Sie geht nicht in das Nebengebäude des Klinikums, um sich was zum essen zu holen, weil sie weiß, dass niemand nach Hannah sehen würde, wenn sie aufwacht und weint. Immerhin hat ihr die nette Schwester, die, die ihr das Bett umgebaut hat, eine Flasche Wasser gebracht.

Ich merke, dass ich auf den letzten Metern zum Klinikum immer langsamer werde, erwische mich dabei, wie ich mir jedes einzelne Blatt auf dem Gehweg ansehe. Mit solchen Gebäuden verbindet mich  auch eine Geschichte, mich und mein Neugeborenes vor einigen Jahren. Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich weiß, was mich gleich erwarten wird.

Ich verkleide mich und hülle mich in Grün, bevor ich das Zimmer betrete. Evelyn ist froh, dass ich gekommen bin, auch wenn sie mich nie darum gebeten hätte. Ich nehme sie in den Arm und halte sie ganz fest. „Sie stechen sie hier jeden Tag“, sagt sie unter Tränen. Hannah schläft. Mit meinen Gummihandschuhen streichle ich ihr über ihr Gesicht.

„Ich sollte gestern schon einen Aufklärungsbogen bekommen.“, sagt Evelyn. „Den soll ich unterschreiben, damit ich über die Risiken der Lumbalpunktion informiert werde.“ „Sie haben die Punktierungen doch schon gemacht, ohne Aufklärung.“, füge ich hinzu. „Morgen soll Hannah nochmal punktiert werden, weil es bisher nicht geklappt hat. Ich habe zugestimmt, dass sie nur noch einen Versuch haben. Dann ist Schluss.“
Evelyn wirkt entschlossen.

„Ich habe das Gefühl, Hannah hat gar keine Hirnhautentzündung. Sie ist nur erkältet.“, meint Evelyn. „Der erste Arzt sagte, wir müssen hier eine Woche bleiben, der zweite Arzt sprach von 7 bis 10 Tagen, die dritte Ärztin meinte heute Morgen, dass wir uns auf 14 Tage einstellen müssen und hat irgendwas von Sepsis gebrabbelt.“ Evelyn reißt ihre Augen auf und schaut mich an. „Ich muss nach Hause, ich habe noch ein Kind zu versorgen!“ Ich weiß, was sie gedanklich und emotional gerade durchmacht.
„Jetzt soll auch noch ein Katheder gelegt werden, weil das mit den Urinproben nicht funktioniert.“ „Wozu ist das denn unbedingt notwendig“, frage ich sie. Sie weiß es nicht, kennt auch keine Ergebnisse der Blutuntersuchung, versteht nicht, was ihr die Ärzte im Fachchinesisch erzählen, auch nicht, wenn sie nachfragt. „Ein Katheder ist nicht schlimm. Das ist schmerzfrei für die Kleine.“, sagen die Ärzte ihr. Sie stimmt zu. Ein Arzt kommt in das Zimmer und möchte, dass Evelyn ihr Kind zu Verfügung stellt. Er hat eine Gruppe Studenten, denen er an Hannah zeigen will, wie ein Neugeborenes untersucht wird. Evelyn fragt, ob sie bei der Untersuchung am Nachmittag dabei ein kann. Das kann sie. Sie stimmt zu.

Evelyn geht in die Kantine, um sich was zu Essen zu holen. Sie weiß, dass ich bei Hannah bleibe, die ganze Zeit.

Am nächsten Tag besuche ich sie wieder. Ich sehe, dass die Schutzbekleidung nicht konsequent umgesetzt wird. Ich lege nur den Mundschutz an, die Hände hatte ich ohnehin desinfiziert. Ab heute darf Evelyn die Toilette im Zimmer nicht mehr benutzen. Die Tür wird verschlossen. Das Nachbarzimmer hat jetzt nur noch Zugang zu dieser Toilette. Um die Besuchertoiletten des Krankenhauses zu nutzen, muss Evelyn die Kinderstation verlassen und auf den Gängen der Klinik nach einer freien Toilette suchen. Ich habe einen Rucksack voller Essen und Naschereien dabei, Getränke und Thymiantee. Evelyn geht wieder in die Kantine, während ich über Hannah wache. Schon allein das Verlassen dieses engen Zimmers, das Überqueren der Straße an der frischen Luft und die Begegnung mit anderen Menschen in der Kantine wirken kraftgebend und beruhigend auf Evelyn, die immer noch mit ihrer Erkältung zu kämpfen hat.

Als sie wiederkommt fragt sie mich während des Essens nach meiner Geschichte. Ich erzähle ihr bruchstückhaft, was uns passiert ist. Ich versuche meine Gefühle, die mit der Erinnerung kommen, zu übergehen. Ich kann da jetzt nicht reingehen. Nie wieder eigentlich.

Dass wir uns selbst entlassen haben und dass keine Untersuchung ohne meine Anwesenheit vollzogen werden durfte, erzähle ich ihr noch. Und dass ich mich mit jedem Arzt und jeder Schwester anlegen musste, um das durchzusetzen und bei meinem Kind bleiben zu können. Wieviel Kraft mich das gekostet hat, erzähle ich ihr nicht. Auch nicht, was das mit mir gemacht hat.

Am nächsten Tag schreibt mir Evelyn, dass sie am Freitag entlassen werden. Puh! Ich freue mich für die beiden. Hannahs Hand hat sich entzündet, ist angeschwollen, weil der Verband um die Braunüle falsch gewickelt war. Jetzt hat sie den Zugang am Kopf. Irgendwie muss doch das Antibiotikum in das Kind, meinten sie. Sie weint jetzt stärker, wenn das Medikament in ihren Körper gespritzt wird. Selbst wenn Evelyn sie dabei stillt, ist die Kleine außer sich.

Einen Tag später ist sie zu Hause, sie hat sich mit ihrem Kind aus der Klinik entlassen. Die Blutwerte haben keinen Hinweis auf eine Hirnhautentzündung ergeben, die Sonografie und die Urinwerte auch nicht. Das Fieber war schon am Tag nach der Aufnahme weg. Zur Sicherheit wurde Hannah  gestern nochmal erfolglos punktiert. War wohl doch nur eine Erkältung.

 

Ich weiß, dass wir uns gegenseitig Halt geben müssen, mit Nähe, Informationen und Zuversicht. Erfahrungen teilen, Nachfragen und Mitfühlen. Uns schützt niemand. Wir können uns nur schützen, wenn wir zusammenrücken. Frau neben Frau. Dann heilen die alten und auch die neuen Wunden. Das weiß ich, mit Sicherheit.


Gewalt beginnt im Kleinen und die Revolution bei uns selbst
Noch eine Operation – alles Routine


3 Kommentare

  1. Wir sind mit unserem 3-jährigen in der Kinderonkologie, der kleine Mann hat Leukämie. Es hat auch hier ca. 2 Wochen gedauert, bis das Personal akzeptiert hat, dass es sich nicht um Zimmernummer 1,2,3 handelt sondern um (m)ein Kind! Ich habe viele Kämpfe ausgefochten um ihm Zeit zu verschaffen, die gewünschte Untersuchung mitzumachen, ihm nicht grundlos Medikamente reinzuwürgen(eine Schwester hat tatsächlich mal einfach in den offen brüllenden Mund ein Mittel gegegeben und dann mit der Hand die Backen zugedrückt und ihn dabei angefahren, er solle endlich schlucken) und angemessen informiert zu werden. Jetzt bin ich auf der Station die ital. Furie, bei der man aufpassen muss…

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    1. Mel, das klingt alles ganz furchtbar. Ich wünsche euch viel Zuversicht. Es lohnt sich immer, um sein Kind zu kämpfen.

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  2. Ich kann gar nichts dazu sagen 😦

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