Rette sich, wer kann!

Ich kann das ja noch gar nicht so richtig glauben. So absurd klingen die neuen Ideen des GKV. Der Spitzenverband der Krankenkassen legt Forderungen vor, welche das ohnehin schon wacklige Versorgungssystem der klinischen Geburtshilfe in Deutschland zum Einstürzen bringen könnte.

Laut Deutschem Hebammenverband sollen demnach freiberufliche Klinikhebammen zukünftig nur noch zwei Frauen parallel bei der Geburt betreuen können. Klingt erstmal gar nicht so schlecht, denn so würde die Qualität der Geburtsbetreuung für die Frau steigen. Statt 3-5 Frauen zu begleiten, würden zukünftig freiberufliche Klinikhebammen ihren Fokus auf maximal zwei Gebärende richten. Nur….jetzt kommt das dicke Ende…….

Freiberufliche Klinikhebammen arbeiten im Schichtsystem, so wie ihre regulär angestellten Kolleginnen auch. Freiberufliche Klinikhebammen sind an alle Rahmenbedingungen und Vorschriften der Kliniken gebunden, so wie ihre angestellten Kolleginnen auch. Freiberufliche Klinikhebammen sehen aus wie angestellte Klinikhebammen. Keiner erkennt den Unterschied. Freiberufliche Klinikhebammen rechnen ihre Arbeitsleistung jedoch direkt mit der Krankenkasse ab. Das machen angestellte Hebammen nicht. Freiberufliche Klinikhebammen tragen die Kosten für ihre Berufshaftpflicht selbst, angestellte Klinikhebammen nicht.

Geburtskliniken in Deutschland sind zu großen Teilen im Belegsystem organisiert. Darum nennt man die freiberuflichen Hebammen in Kliniken auch Beleghebammen. Das bedeutet, dass diese Geburtstationen in Kliniken ausschließlich mit Beleghebammen, also freiberuflichen Hebammen besetzt sind, die auf eigene Rechnung arbeiten. Es gibt auch Kliniken, die mischen ihre Hebammen aus angestellten Geburtsbegleiterinnen und Belegkräften.

Durch die massiven Schließungen von Kreißsälen in den letzten Jahren verdichtete sich der Arbeitsaufwand dieser Beleghebammen. Überschriften wie: „500 Babys wurden in der Klink XY in diesem Jahr mehr geboren“ oder „Geburtenrekord –Anzahl der  Geburten des Vorjahres bereits in diesem Juni überschritten“, klingt im ersten Moment ganz schön, weil man den Eindruck hat, dass tatsächlich mehr Babys geboren werden, und das ist doch toll.
Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das jedoch als schlummernde Zeitbombe. Und es stimmt ja auch: Es werden mehr Kinder geboren als in den Jahren zuvor. Aber die Anzahl der Orte, also in diesem Fall der Kreißsäle, in denen das geschieht, ist jedoch dramatisch geschrumpft. Geburtskliniken fangen nun die Geburten der geschlossenen Kliniken im Umfeld auf. Kein Wunder, dass ein Baby-Rekord nach dem anderen erzielt wird. Es wurde nur vergessen, den Personalschlüssel an die Geburtenrekorde anzupassen. Kann ja mal passieren, oder?

Wir haben akuten Hebammenmangel in Deutschland. Viele der Kreißsaalschließungen der letzten zwei Jahre wurden mit fehlenden Hebammen begründet. Das liegt unter anderem daran, dass Kreißsäle eben mit Beleghebammen organisiert sind, diese sind freiberuflich, rechnen ihre Leistungen mit der Krankenkasse ab UND tragen die kompletten Kosten für die Haftpflichtversicherung selbst. Die Haftpflichtkosten sind enorm gestiegen und viele freiberuflichen Hebammen können sie nicht mehr bezahlen. Darum geben sie die Geburtsbegleitung, das eigentlich das Kernstück ihrer Arbeit als Hebamme, auf, und bieten z.B. nur noch Vorsorge oder Wochenbettbetreuung an -auch freiberuflich, nur eben deutlich günstiger in der Versicherung als mit Geburtsbetreuung.
Die verbliebenen freiberuflichen Hebammen in der Klinik fangen darum auch das Arbeitsvolumen der Aussteigerinnen auf. Sie versuchen es zumindest. Dass das auf Dauer nicht funktioniert ist klar. Darum stellen sie ihre Tätigkeit auf Teilzeit um. Sie arbeiten also Teilzeit in Kliniken und den Rest im Vorsorgebereich oder in der Wochenbettbetreuung.

Wer betreut dann eigentlich 24 Stunden am Tag Geburten in der Klinik? Tja….kaum noch jemand da, und das, obwohl die Geburtenzahlen steigen, also mehr Frauen pro Tag in die Kliniken fahren, um ihre Kinder zu gebären.
(Dazu kommt noch hinzu, dass auch viele Gynäkologen in Kliniken in Belegsystem arbeiten, und diese auch die Haftpflichtkosten aus eigener Tasche zahlen. Aber das nur als Zusatzinfo.)

Während die verbliebenen Kliniken in Neubauten, Anbauten und Umbauten auf ihren Geburtenstationen investieren und sich gegenseitig mit einem technischen Wettrüsten imponieren, gehen die Qualitätsträger für sichere und menschliche Geburten leer aus. Sie bekommen keine Unterstützung in Form von mehr Personalstellen, geschweige denn von entsprechender Vergütung. Die Arbeitsbedingungen werden zur körperlichen und seelischen Zerreißprobe. Wenn es um das Ausbaden dieser Zustände geht, sind die Gebärenden gefragt. Sie löffeln diese Suppe aus.

Und um nun noch mehr Klarheit/Verwirrung zu stiften: Es gibt auch Beleghebammen, die nicht im Schichtdienst in Kliniken arbeiten. Sie tragen die gleiche Bezeichnung, sind ebenfalls freiberufliche Hebammen ABER, sie begleiten nur eine einzige Frau in die Klinik, betreuen sie im Kreißsaal und fahren anschließend mit ihr wieder nach Hause. Kein Schichtdienst im Kreißsaal, keine Mehrfachbetreuung – nur 1:1 Hebammenbetreuung, so, wie bei Hausgeburten auch. Nur eben nicht zu Hause, sondern in der Klinik.

Zusammengefasst an dieser Stelle: freiberufliche Beleghebammen im Schichtdienst einer Klinik sind etwas anderes, als freiberufliche Beleghebammen in der 1:1 Betreuung bei Geburten im Kreißsaal.

Die Situation ist jetzt folgende: Beleghebammen im Schichtdienst sollen nur 2 Frauen gleichzeitig bei Geburten unterstützen dürfen, die anderen 10 Frauen, die auf den Fluren vor dem Kreißsaal stehen, können sie dann nicht mehr betreuen, denn diese Leistung können sie nicht abrechnen. Das heißt, dass die anderen Schwangeren dann da einfach auf dem Flur stehen gelassen werden und ihre Kinder mit Klinikkoffer in der Hand vor der Anmeldung der Geburtsstation gebären? Alternative: andere Klinik. Fakt: the same procedure.

Und freiberufliche Beleghebammen in der klinischen 1:1 Geburtsbetreuung ergeht es abrechnungstechnisch nicht besser, wie ihr gleich zusammenfassend lesen könnt.

Die bereits hoch angespannte Situation in der klinischen Geburtshilfe würde damit deutlich verschärft werden und zwar für die Frauen, die sich in Kliniken begeben, froher Hoffnung auf Begleitung, Fürsorge und sichere Geburt. Sie schaffen es dann nicht mal mehr bis zur Anmeldung, weil die Schlange der Wartenden so lang ist.

Im Einzelnen ist vorgesehen:
(Quelle: DHV)

*dass eine Beleghebamme im Schichtdienst nur noch die Betreuung von höchstens zwei Frauen gleichzeitig abrechnen darf. Im Idealfall kümmert sich jede Hebamme natürlich nur um eine Geburt auf einmal, doch jeder weiß, dass sich Geburtstermine nicht planen lassen und dass es manchmal sein muss, mehrere Frauen parallel zu betreuen. Diese Beschränkung ist also völlig unrealistisch. Beleghebammen müssten künftig Frauen in andere Kliniken schicken oder ihre Leistungen privat abrechnen. Ergebnis: schlechtere Versorgung!

*dass eine Beleghebamme in der 1:1-Betreuung garantieren muss, eine Geburt von Anfang bis Ende zu begleiten. Dafür wird sie mit einer Pauschale vergütet. Bei längeren Geburten mit sogenanntem protrahiertem Verlauf müssen sich Hebammen aber manchmal kurzfristig ablösen. Dies wollen die Gesetzlichen Krankenkassen künftig nicht mehr bezahlen, wenn es nicht im Voraus geplant wurde. Ergebnis: sparsamere Versorgung!

*dass eine Beleghebamme in der 1:1-Betreuung jede Frau persönlich betreuen muss bzw. maximal eine persönliche Vertretung benennen darf. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Es bedeutet allerdings, *dass eine weitere Vertretung, falls sowohl persönliche Hebamme als auch persönliche Vertretung verhindert sein sollten, künftig nicht mehr mit der Gesetzlichen Krankenkasse abrechnen dürfte. Die Frau müsste selbst zahlen. Ergebnis: teurere Versorgung!

*dass der Vertrag über eine 1:1-Betreuung zwischen Beleghebamme und werdender Mutter künftig bis maximal zur 38. Schwangerschaftswoche abgeschlossen werden muss. Wer sich danach erst für eine persönlich bekannte Hebamme entscheidet, hat Pech oder muss selbst zahlen. Ergebnis: unflexiblere Versorgung!

Der DHV argumentiert in drei großen Überschriften über die Folgen der Umsetzung des GKV Vorschlags:

Qualitative Verschlechterung der Betreuung zu erwarten

Schließung von Kreißsälen wahrscheinlich

Rückzug aus der Geburtshilfe von freiberuflichen Beleghebammen nicht durch Anstellungen ausgleichbar

In seinem Fazit formuliert der DHV: „Ein Instrument, um die Versorgung zu sichern und die Qualität zu verbessern, ist die Rückholung der aus dem Beruf Ausgestiegenen Hebammen in ihren originären Beruf. Darüber hinaus müssen Anreize geschaffen werden, um den Verbleib der Kolleginnen in der Versorgung der Mütter zu sichern. Dies kann nicht durch weitere drastische Reglementierungen und Auflagen der Hebammen erreicht werden.“

Die komplette Argumentation des DHV könnt ihr hier nachlesen.

 

Rettet die Hebammen

Rettet die Kreißsäle

Rettet die Beleghebammen

Rettet die Geburtshäuser

Rettet die Hausgeburt

Rette sich, wer noch kann! Besonders ihr zukünftigen Mütter!

 

es informiert euch

Silke von Elternstimme sichere Geburt

 

 

2 Kommentare

  1. Erschreckend. Was würdest du denn raten, diesen Entwicklungen entgegenzusetzen?

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    1. Hallo Goldtopf, da nenne ich nur mal ein paar Schlagworte: Zentralisierung der Geburtshilfe stoppen, Geburtshilfe aus der Fallpauschalen – Berechnung herausnehmen, 1:1 Betreuung aller Gebärenden als MUSS, Förderung echter Belegerinnen, Erhalt von Geburtshäusern, festgeschriebener und realistischer Personalschlüssel in Kreißsälen und, und, und…
      Das ist mittlerweile so eine dicke Schicht, die abgetragen werden muss, damit selbstbestimmtes Gebären wieder möglich ist.
      LG, Silke

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