Kein Platz für Schwangere

Eine Frau hat Wehen – schon stundenlag. Es ist ihre erste Schwangerschaft.
Sie fährt mitten in der Nacht mit ihrem Mann im Auto in die Klinik nach Neuperlach.
Es geht ihr nicht gut, sie muss sich ständig übergeben.

2015-12-20-21-07-54

 

© Cartoon von Ritsch-Renn.com

 

Die Klinik nimmt sie nicht stationär auf, denn die Wehen, so wird ihr gesagt, sind nicht muttermundwirksam. Und überhaupt: 10 Tage vor dem statistischen Termin – nee, das muss Einbildung sein.

Zwei Stunden später und mit Schmerzmitteln ausgestattet, ist das Paar wieder zu Hause. Es ist immer noch mitten in der Nacht. Sie gebiert ihr Kind im Bad, zusammen mit Ihrem Mann.  Die Klinik sagt: „Dass sich die Wehen überstürzt entwickeln würden, war da nicht abzusehen.“; „Wir haben Mutter und Kind nach der Geburt im Klinikum Neuperlach behandelt und wünschen der Familie jetzt für die gemeinsame Zeit zu Hause alles Gute.“

Erledigt. Ende gut – alles gut.

 

Ist am Ende immer alles gut?

Dass wehende Frauen in Kliniken abgewiesen werden, ist KEIN Einzelfall. Es gab auch schon Todesfälle, in Berlin zum Beispiel oder in Pforzheim /Baden- Württemberg.

Dass Geburtskliniken oft und in großer Anzahl völlig überlastet sind, sind auch KEINE Einzelfälle, sondern Geburtsalltag in Deutschland.

Dass Kinder eben nicht zum statistischen Termin (ET) auf die Welt kommen, dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Will aber keiner hören, sonst müsste man sich eingestehen, dass Geburt eben nicht beherrschbar ist.

Dass Frauen nach ungeplanten Hausgeburten im Anschluss in eine Klinik verschleppt werden, anstatt sie erst mal Kraft schöpfen zu lassen und zu Hause zu betreuen, so, wie es Hausgeburtshebammen machen, ist gängige Praxis. Alles für die dokumentierte Sicherheit und die Sammlung von Fallzahlpunkten, damit das auch abgerechnet werden kann. Und wegen der Haftpflicht. Wie es Mutter und Kind dabei geht, ist erst mal Nebensache. Beteiligte Akteure bei ungeplanten Hausgeburten: Feuerwehr, Polizei, Rettungssanitäter, die eigene Familie.

Dass bei solchen Zeitungsbeiträgen immer glücklich lächelnde Mütter und Babys gezeigt werden, obwohl sie Stunden zuvor abgewiesen und allein gelassen wurden, sich möglicherweise in völliger Angst und Verzweiflung befanden, ist eine bodenlose Frechheit. Warum? Hauptsache gesund – das Ergebnis zählt. Die Folgen der Tortur zählen nicht, darüber spricht keiner- will ja auch keiner hören. Würde ja das harmonische Weltbild ins Schwanken bringen. Verängstigte und gestresste Mütter sehen auch in Presseberichten nicht schön aus.

Kein Platz für Schwangere: Der Kreißsaal
Bis zu 90 Mal mussten von Januar 2016 bis Oktober 2016 in einer Berliner Geburtsklinik die Geburtsräume für Schwangere geschlossen werden.
Im gleichen Zeitraum wechselten 405! Frauen in (Gesamt)Berlin notgedrungen in eine andere Klinik. Es war einfach kein Platz und es gab auch keine Hebammen, die die Frauen hätten betreuen können. (Quelle)
Die meisten Geburten sind unkompliziert, aber personalintensiv. Das kostet viel Geld und rechnet sich am Ende nicht. Denn wenn eine Frau und ihr Baby gesund sind, gibt es nichts zu behandeln und damit auch kein Geld. Die Geburtshilfen im Lande beklagen hohe finanzielle Defizite. Weil sie trotz hoher Gesamtgewinne der Klinik nicht bereit sind, das schwarze Schaf der Geburtshilfe weiter zu füttern, wird es kurzerhand geschlossen.
So einfach ist das.
Das bedeutet für die verbleibenden Kliniken deutlich mehr Geburten bei gleichem Personalschlüssel. Und für das Personal bedeutet das Arbeitsverdichtung: also mehr Betreuungen in kürzerer Zeit. Verständlich, dass Hebammen und Belegärzte das Handtuch werfen. In Kopenhagen hat ein bekannter Chefarzt gekündigt, weil er sowohl die Gesundheit der Gebärenden,  als auch der dort arbeitenden Hebammen und KollegInnen nicht mehr länger gewährleisten kann.

Kein Platz für Schwangere: Das Geburtshaus
Die überlebenden Geburtshäuser in Deutschland haben es schwer. Nicht nur, weil sie durch die hohen finanziellen Verpflichtungen durch die Haftpflichtversicherung gebeutelt sind, nein, auch weil sie dem Ansturm der schwangeren Frauen nicht mehr gewachsen sind.
Es wollen deutlich mehr Frauen außerklinisch im Geburtshaus gebären, als das aus Kapazitätsgründen möglich ist. Händeringend werden Hebammen gesucht, die die bestehenden Teams unterstützen und entlasten können. Vergeblich. Denn der Nachwuchs will gar keine Geburtshilfe mehr leisten, sondern sich lieber nervenschonender und kostengünstiger der Vorsorge und der Wochenbettbetreuung widmen. Da sind die Beiträge für die Haftpflichtversicherung nicht so hoch und auch das Risiko verklagt zu werden ist geringer.
Der Druck, der auf den Schwangeren lagert, ist auch nicht mehr wegzureden. Schließlich können sie jederzeit von ihrer eigenen Entscheidung ausgeschlossen werden. Wenn frau  den Ausschlusskriterien für Geburtshausgeburten nicht entsprechen kann, steht ihnen nur noch die Kliniktür offen, oder eben nicht, wie das einleitende Beispiel zeigt.
Bei unseren Nachbarn ist es auch zappenduster. In der Schweiz sollen die Geburtshäuser die Kosten selbst tragen, wenn ein Kind nicht zum statistischen Termin (ET) zur Welt kommt. Für die Frauen heißt das, entweder im vorgeschriebenen Zeitraum gebären, oder du bleibst auf den Kosten sitzen!

Kein Platz für Schwangere: Die Hausgeburt
Im eigenen Haus ist immer Platz, und sogar noch in der Wunschatmosphäre. Nur bei der Geburtsbegleitung hakt es mächtig. Hausgeburtshebammen sind so rar geworden, dass die, die es noch wagen Mütter in den eigenen vier Wänden zu begleiten, vollkommen terminlich ausgebucht sind. Hinzu kommt noch, dass es in weiten Teilen Deutschlands gar nicht mehr möglich ist, zu Hause zu gebären. Denn überall da, wo keine Klinik innerhalb von 20-30 Minuten per PKW erreichbar ist, gib es auch keine Hausgeburtshebammen mehr. Geburtshäuser übrigens auch nicht. Im Falle einer Verlegung, die bei einer begonnenen Hausgeburt oder Geburtshausgeburt dann nötig wäre, stünden Fahrzeiten bis zu 60 Min auf dem Plan. Das wäre unverantwortlich für Mutter und Kind, stimmt’s?
Die gesundheitspolitischen Kräfte in unserem Land sehen das anders. Sie dünnen beharrlich den Geburtssektor aus und halten lange Anfahrtswege für gerechtfertigt. Zentralisierung zum Wohle von Mutter und Kind.

Weil nirgendwo Platz für Schwangere ist: dann eben ganz allein
Die Zahlen sprechen für sich, und es gibt noch eine hohe Dunkelziffer. 60 Alleingeburten wurden bisher in 2016 gemeldet. Davon 2 Beckenendlagen (BEL) und 4 Vaginalgeburten nach vorherigem Kaiserschnitt(VBAC). Alles Frauen, die ihre Kinder zu Hause und ohne Geburtsbegleitung geboren haben. Ein Teil von ihnen, hätte das auch mit verfügbaren Hausgeburtshebammen, Geburtshäusern oder naheliegenden Kliniken so gemacht. Ein anderer Teil von ihnen konnte nicht anders, denn nirgendwo war Patz für sie.

Schlusswort: ………………………..

Es grüßt euch Silke,
von Elternstimme sichere Geburt

 


 

 

 

13 Kommentare

  1. Hallo Silke,
    das ist ein toller Artikel, der mal wieder das Dilemma super zusammenfasst. Es ist zum heulen. Mich interessiert das Thema Alleingeburten… Leider führt aber der Link bei dem Abschnitt zum gleichen Artikel wie zur Misere in der Schweiz. Kannst du hier bitte die Quelle noch nachliefern? Vielen Dank!!

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    1. Danke Diana, da hatte ich mich verlinkt. Jetzt ist der richtige Beitrag hinterlegt.

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  2. Gruselig, ich hatte gerade einen der oben geschilderten Situation ähnelnden Traum, obwohl ich deinen Artikel noch nicht gelesen hatte (nur in meiner FB Timeline gesehen). Habe ihn verlinkt, du triffst es sehr auf den Punkt!
    https://wickelakrack.de/2016/12/21/zukunft-alleingeburt/

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    1. Oh Elena, gar nicht schön, dass du mitten in der Nacht davon aufgewacht bist. Das tut mir leid.

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  3. Hallo,
    Ich bin eine von den abgewiesen Müttern. Bei meiner 3. Entbindung war meine Brleghebamme bereits mit einer anderen Mutter beschäftigt und es war tatsächlich kein Kreißsaal mehr frei! Schon der Pförtner begrüßte mich mit den Worten „Nicht noch eine! Sie bekommen nur noch einen Platz im Keller!“ Es lagen zwei Frauen in den Wehen im Flur!!!! Wir hatten zum Glück noch Zeit die Klinik zu wechseln, aber nicht dass und jemand geholfen hätte. Ich habe auf meine Wehen geachtet und mein Mann die Krankenhäuser abtelefoniert. Es ist alles gut gegangen, aber es war schon traurig. Ich hatte weder meine Hebamme, noch das Krankenhaus um die Ecke. Dabei war mein Baby auch noch ein spätes Frühchen und die Geburt war dann aber auch noch eine 6 Minuten Sturzgeburt!!! Ich hatte mit meinen Baby mehr als einen Schutzengel an der Seite!
    LG,
    Natalia

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    1. Hallo Natalia, das ist ja eine furchtbare Erfahrung, die du machen musstest. Diese Szenarien- wehende Frauen im Flur -die habe ich vor drei Jahren noch als fiktives Horrorszenarium gemalt, um in Gesprächen mit politischen Abgeordneten den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Weißt du was ich unmöglich finde? Wenn eine Klinik keine Kapazitäten hat- warum kümmert sich die Klinik nicht darum, dass die werdenden Mütter in eine andere Klinik aufgenommen werden? Da musste dein Mann in dieser verzweifelten Situation ewig rumtelefonieren, um für dich einen Kreißsaal zu finden. Wahrscheinlich hätte er lieber die Zeit bei dir verbracht. Und diese Hin- und Herfahrerei. Jede Frau, die schon mal mit Wehen im Auto saß weiß, dass dieser Zeitraum unerträglich sein kann.
      Diese Schutzengel – hoffen wir, dass die nicht auch bald so terminlich ausgebucht sein werden, wie Hebammen und andere Geburtshelfer. Liebe Grüße, Silke

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      1. So sehe ich es auch! Danke für deine Worte!

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  4. Vielleicht sollten wir einfach mehr Krippen bauen, mit Ochs und Esel als Geburtshelfer. So als letzte Alternative.

    Es ist echt zu absurd. Es wird immer mit Sicherheit argumentiert, und das, was letztlich passiert, gefährdet Frauen und Kinder massiv.

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    1. naja, und willst du dann auch, dass diese drei Männer nach der Geburt kommen? 😉
      Die Sicherheit, mit der argumentiert wird, täuscht über die tatsächlichen Verhältnisse und Gegebenheiten hinweg. Sie berücksichtigt in keiner Weise die Bedürfnisse der Frauen nach Rückzug und Schutz, Geborgenheit und menschlicher Unterstützung. LG, Silke

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  5. Dein Artikel hat mir wieder vor Augen geführt, wie viel Glück wir bei der Geburt unserer Tochter hatten: Außer mir war nur noch eine weitere Schwangere im Kreißsaal und wir hatten während der gesamten Geburt eine „eigene“ Hebamme, die uns nicht eine Minute alleine gelassen hat…

    Wenn ich mir vorstelle, wir hätten das ohne die tolle Unterstützung schaffen müssen… es ist wirklich traurig, dass bei der Geburtshilfe immer mehr wegrationalisiert wird und nicht jede Schwangere die Hilfe bekommt, die sie benötigt. 😦 Bei der Vorsorge/Wochenbettbetreuung ist es ja nicht anders… Ich hab in der 8. SSW angefangen zu suchen, über 20 Hebammen kontaktiert… und eine hatte Gott sei Dank noch einen Platz frei.

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  6. Liebe Silke,

    mal wieder hast du den Finger in die Wunde gelegt – präzise sagst du das, was schon lange mal gesagt werden müsste: Gebärende haben keinen Platz mehr in unserem Gesundheitssystem.
    Sie sind „unberechenbar“ und damit nicht ausreichend planbar, aber genau das will die Politik. Geplante, terminlich gerechte Geburten, zentral zusammengepfercht in großen Kliniken mit technischer Überwachung und möglichst wenig Personal. Und alles unter dem Deckmantel der angeblich maximalen Sicherheit für Mutter und Kind…
    Dabei geschieht zur Zeit das genaue Gegenteil: es wird die Gesundheit von Müttern und Kindern massiv aufs Spiel gesetzt, aber kaum jemand will es wahr haben.
    Ein echter Skandal!

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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  7. Kommt mir ein bisschen wie die Weihnachtsgeschichte vor. Leider gäbe es auch keinen Stall. Hoffen wir dass es alle überleben.

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    1. Bei Facebook hat jemand den Beitrag so kommentiert: …und sie wickelte ihr Kind in Windeln und legte es in eine Krippe, weil sie keinen Platz in der Herrberge hatten… 🙂

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