Ohne Schweiß kein Preis

In meinem Leben vor der Geburt meines ersten Kindes habe ich mir nie die Frage gestellt, was Geburt für mich bedeuten würde. Auch in der Schwangerschaft ging die Frage an mir bis kurz vor dem Ereignis vorbei. Ich habe weder Ratgeber gelesen, noch Geburtsvideos gesehen. Auch in meinem näheren Umfeld war keine Frau, die diese Erfahrung gemacht hatte und mir davon berichten konnte. In der Zeit bevor ich Mutter wurde, war ich in einer anderen Rolle, die ich leidenschaftlich ausfüllte.

Und so war es auch bezeichnend für mich, dass ich mich erst im 6. Monat fragte, wo ich mein Kind gebären soll. Ich gehörte zu den Frauen, die nicht wussten, wozu eine Hebamme vor und nach der Geburt gebraucht wird. Ich war also völlig unbedarft und unbeschwert. Und dann gab es dieses Gespräch im Büro. Ein junger Mitarbeiter von mir fragte mich, wo ich denn das Kind bekommen werde. Achselzucken. „Naja, ist vielleicht wirklich an der Zeit, mich darum zu kümmern.“, meinte ich. Die Schwester seines Freundes war im Geburtshaus und schwer begeistert, auch von der Hebamme. Er schickte mir den Link und ich folgte ihm. Mh, das sieht ja total muckelig da aus, dachte ich mir. Und was ist mit einer Klinik? Hausgeburt? Ok, ich musste mich dem Thema stellen, ob ich will oder nicht. Also vereinbarte ich einen Termin im Geburtshaus und notierte mir einen Termin für einen Tag der offenen Tür, der in einer Klinik stattfand. „Zufällig“ fielen beide Termine auf einen Tag.
Ich glaube nicht an Zufälle. Auch nicht an Schicksal. Aber an Fügung. Ich hatte schon früh in meinem Leben begriffen, dass es sich um mich fügt und das alles, was passiert, wie so eine Art Training ist, dass mich auf die nächste Etappe vorbereitet. Die Trainierende war ich selbst und so lag es an mir, das Ergebnis zu gestalten, mit Freude, Schweiß, Tränen, Leidenschaft und Angst- eben allem, was dazugehört.

Der Tag der Erkenntnis nahte, an dem ich mir sowohl das Geburtshaus, als auch die Klinik ansehen sollte. Der Klinikbesuch war vormittags, das Geburtshaus wollte ich am Nachmittag ansehen. Um es an dieser Stelle abzukürzen: Die Entscheidung war nicht kompliziert, langandauernd und nicht wohl überlegt. Sie war intuitiv, mit dem bestärkenden Gefühl der inneren Sicherheit, einfach und ganz klar. Ich möchte mein Kind im Geburtshaus zur Welt bringen und falls es doch schneller geht als gedacht, auch zu Hause. Letzteres fühlte sich erst mal komisch an, aber es war mein Plan B. Die Kliniksache war ganz klar vom Tisch.

Einen Monat später bekam ich ein Paket von meiner Schwägerin. Neben kleinen Geschenken und vielen warmen Worten fand sich darin auch ein Buch.
Ich habe es nicht gelesen, nur die Überschriften. Ich war viel zu sehr abgelenkt von den Bildern. Wow, wie faszinierend. Die Frau, die in dem Buch begleitet wurde, sah so schön aus in ihrer Kraft.
Ich rief einige Tage später meine Schwägerin an und bedankte mich für die schönen Geschenke. Sie fragte mich ganz unsicher, ob ich mir das Buch schon angesehen hätte?
„Ja, habe ich. Es ist fantastisch.“, sagte ich ihr. „Und? Wie geht es dir jetzt?“ Mir ging es prima, warum auch nicht. „Wieso fragst du mich so unsicher?“ Meine Schwägerin antwortete: „Ich war nicht sicher, ob dich die Bilder emotional überfordern oder dich verunsichern.“ Nö, haben sich nicht gemacht. Alles gut. Sie fragte mich auch, ob ich schon Vorstellungen für mich entwickelt habe, wie Geburt sein wird. Nö, hatte ich nicht. Das einzige, was mich im Moment beschäftigt ist die Frage, wie ich merke, dass es losgeht. „Das wird dir dein Körper sagen, du kannst darauf vertrauen.“ Ok, klingt logisch.
Jedoch war dieser Satz leichter daher gesagt, als er sich in den kommenden Wochen für mich darstellte. Denn diese Frage bohrte sich immer tiefer in meine Gedankenwelt. Was ist, wenn ich den Auftakt verpasse? Was ist, wenn ich dadurch zu spät ins Geburtshaus komme? Was ist, wenn ich den Beginn verschlafe?

Im Geburtsvorbereitungskurs, den ich bei der Geburtshaushebamme machte, ging es um ganz andere Sachen, als theoretische Erklärungen des Geburtsmodus. Ich habe gelernt zu Tönen. Glaubt mir, die Situation mit anderen Frauen zusammenzusitzen und laut meine Stimme in Gesängen zu erforschen war eine Herausforderung für mich. Aber mein Baby reagierte mit Freude auf Mamas  Singsang. „Hey!“, dachte ich, noch eine Möglichkeit mit meinem Kind zu reden. Es braucht kein langschweifiger Dialog sein, um mit meinem Kind in Kontakt zu treten. Es braucht auch kein intensiver Gedankenaustausch sein, indem die Konzentration all meiner Sinne in den Bauch rutscht. Auch all die Streicheleinheiten über meinen Bauch sind nur eine Möglichkeit, mich und mein Kind zu spüren. Es geht auch mit Gesang. Also übte ich fleißig zu Hause und beobachtete, auf welche Töne mein Kind wie reagierte. Ansonsten lag der Fokus des Vorbereitungskurses auf Balance, Kraft, Lockerung des Beckens und darauf, mit beiden Füßen fest auf dem Boden zu stehen. Ich machte Tai Chi, um mich auf die Geburt vorzubereiten. Vor und nach diesen Treffen kam ich mit anderen Frauen ins Gespräch. Die meisten von ihnen waren älter als ich und hatten bereits geboren. Hier kam ich das erste Mal mit diesen schlimmen Erfahrungen in Kontakt, die Frauen in Kreißsälen widerfahren waren. Und so sehr es mich auch für den Moment bestürzte und mitfühlen ließ, meinen Kern griff es nicht an.

Der letzte Arbeitstag. In meinem Unternehmen arbeiteten natürlich auch Frauen. Die meisten älter als ich. Sie hatten schon Kinder geboren. Das lag oft schon viele Jahre zurück. Auch Mitarbeiterinnen aus meiner Abteilung waren schon Mütter. Aber keine so richtig frischgeborene Mutter kreuzte dort meinen Weg. Ich weiß nicht woran es lag, aber keine der Frauen drängte mir während der Schwangerschaft irgendwelche Geschichten auf. Außer am letzten Tag, als ich allen noch mal die Hand gab und mich verabschiedete. Erst da. Da waren bedeckte Blicke, da war Zauber in der Luft, da sprühte mir Achtung entgegen für die Aufgabe, die ich bald zu lösen hätte. Und da waren die Erfahrungen, die einige von Ihnen mir mitteilten. Ihr könnt es euch bestimmt denken. Die Frauen, die schöne Geburten hatten, von denen bekam ich die Achtung und Anerkennung und den Zauber mit, die anderen Frauen gaben mir ihre schmerzvollen Erinnerungen mit auf den Weg. Erinnerungen an tagelange Wehen, Schmerzmittel und Kaiserschnitte. Von ihnen bekam ich auch die Mahnungen, an die Kliniktasche zu denken, sie rechtzeitig zu packen. Viel Glück wünschten mir dennoch alle.

Wann geht´s jetzt los? Ich war soweit. Der statistische Termin war erreicht. Das Baby machte jedoch überhaupt keine Anstalten rauszukommen. Also warten. Warten. Warten. Oh Menno, wie lange denn noch? Wann geht es nun los? Bekomme ich das überhaupt mit? Einige Tage nach ET ging ich zur Frauenärztin, deren Vertretung mich empfing, denn sie selbst war krank. Die Vertretungsärztin machte einen Dopplerultraschall und überfiel mich mit der Botschaft, ich müsse sofort in die Klinik. Hä? Wieso? Naja, die Werte stimmen nicht und ich MUSS JETZT SOFORT in die KLINIK. Moment mal. Was genau stimmt da nicht? Ich ließ mir das Verfahren erklären und die Ergebnisse und fand mich binnen Sekunden in einem Streitgespräch wieder, dass keinen Kompromiss zuließ. Ich interpretierte die Ergebnisse aufgrund der vorangegangenen Erklärungen anders als die Vertretungsärztin. Ende des Gespräches. So ´ne Trulla, dachte ich mir und fuhr nach Hause. Und dann kam die Verunsicherung. Ist wirklich alles ok mit dem Baby? Ich fühlte –JA-, und in meinem Kopf standen die Worte MUSS JETZT SOFORT in die KLINIK wie in Stein gemeißelt. Ich rief meine Hebamme an, die in den letzten zwei Monaten auch einen Teil der Vorsorgen bei mir gemacht hat. Sie beruhigte mich und kam vorbei. Sie brachte mir ihr mobiles CTG Gerät mit und sagte, wenn es mich beruhigt, solle ich es benutzen. Am Folgetag rief mich meine Frauenärztin an und entschuldigte sich bei mir für ihre Vertretung. Sie konnte verstehen, warum ich sauer war und sagte mir, dass es meine Entscheidung wäre, in eine Klinik zu fahren, um noch mehr Untersuchungen zu machen. Ich sagte ihr, dass ich jetzt zu Hause bleibe und auf das Baby warte.

Das wird dir dein Körper sagen, du kannst darauf vertrauen.
Nach dem letzten Besuch bei der Frauenärztin war das nicht mehr so leicht mit dem Vertrauen. Was gab mein Körper für Signale? Oder waren das nur die technischen Abbildungen der Geräte, die ich vor meinem inneren Auge hatte? Das mobile CTG- ja ich benutzte es. Es war faszinierend zuzusehen, wie Linien da aufgezeichnet wurden. Wie in einem Krimi, wartete ich auf DEN Moment, wenn die Spannung ihren Höhepunkt erreicht und die Geschichte ihren unweigerlichen Lauf nahm. Und ich wartete und wartete. Diese elende Warterei. Keine Wehen. Nicht mal ein Wehchen. Jetzt zurückblickend frage ich mich, was ich mir da eigentlich angetan habe. Nie wieder würde ich sowas machen. Und dann, eines Nachts, weckte mich mein Körper und sagte mir, es ist so weit. Herzflattern, zitternde Hände, Aufregung. Es geht los. Mein Körper, mein Baby hat zu mir gesprochen. Es geht los….es geht los. Was genau die Worte waren? Keine Worte. Bis zur letzten Zelle konnte ich spüren, dass die Spannung ihren Höhepunkt erreicht und jetzt zu dieser Geschichte wird, deren Lauf man nicht mehr aufhalten kann.

Im Geburtshaus angekommen, hatte ich ganz schön zu tun, bei mir zu bleiben und mich nicht von anderen Sachen ablenken zu lassen, wie z.B. den schönen Bilder an der Wand oder der Blick aus dem Fenster. Wenn die Spannung, die ich empfinde, groß ist, ist es typisch für mich, mich davon abzulenken. Aber jetzt war mir klar- jetzt geht das nicht. Volle Konzentration voraus. Ich spürte die Wehen und war erschlagen. Im nächsten Moment war mein Akku so voll, dass ich hätte Bäume ausreißen können. Und dann fühlte ich mich wieder erschlagen. Ich begann zu Tönen, immer intensiver, immer lauter. Das beruhigte mich, mein Baby und meinen Körper und ich fiel in eine Art Trance. Keine Kontrolle mehr. Ich beamte mich aus der Welt und lies meinen Körper arbeiten. Ich träumte einen wunderschönen Traum, aus dem ich irgendwann geweckt wurde, weil es Zeit war, die Wanne zu verlassen. Danach ging alles automatisch. Die Presswehen setzten ein. Ich arbeitete konzentriert mit. Die Führung hatte ich aber nicht. Ich ordnete mich unter, passte mich an, obwohl das eher untypisch für mich ist. Aber es fühlte sich richtig an. So richtig, dass ich nach 20 Minuten Presswehen mein Kind in der tiefen Hocke gebar. Klatschnass war ich. Nicht vom Badewasser, denn das wurde mir nach Verlassen der Wanne abgetrocknet. Nein, von der Geburtsarbeit. Die Schweißperlen liefen über meinen Rücken und mein Gesicht, brannten in meinen Augen. Mein Mund schmeckte salzig. Und da unten auf dem Boden, da lag es – mein Kind. Das ist das Ergebnis? Das ist mein Geschenk? Das habe ich geschafft? Ich konnte es nicht fassen. Und noch bevor sich tonnenweise Glückhormone über meinen Körper und meine Seele ergossen, wurde mir wieder einmal klar: Ohne Schweiß kein Preis!

 

Auf die Frage „Was ist Geburt für dich?“ kann ich heute, nachdem ich geboren habe, Antwort geben. Geburt ist für mich ein Höchstmaß an körperlicher Anstrengung und emotionaler Bereicherung. Sie hat mich weiter geerdet und mich über mich selbst hinaus wachsen lassen. Es tut so gut, Kontrolle und Verantwortung abzugeben, und zwar an mich selbst, an meinen Körper. Glaubt mir, es ist kein Verlust. Es ist ein Gewinn. Es wächst zusammen, was zusammen gehört. Körper und Geist.

Heute kann auch ich Frauen, denen ich kurz vor ihrer Geburt begegne, Achtung und Anerkennung mit auf ihren Weg geben. Und ein Gefühl von dem Zauber, der auch in ihrem Geburtsmoment inne wohnen wird.

 

liebe Grüße,
einfachnur Silke

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Ich freue mich sehr darüber, dass der erste Beitrag, den ich nach meiner Blogpause schreibe, Tanjas Blogparade ergänzen wird. „Was ist Geburt für dich?“, fragt sie, und sammelt viele wunderbaren Beiträge auf ihrem Herzbauchwerkblog. Liebe Grüße in die Schweiz, Tanja.


Faszinierende Bilder -schaut selbst. So schön und kraftvoll kann Geburt sein. Das Buch, welches ich geschenkt bekommen habe, heißt: Geburt erleben. Zwischen Niederkommen und Hochgefühl. Urban&Fischer Verlag, 2007
Das ist keine versteckte Werbung, ich erhalte kein Geld dafür, dass ich auf dieses Buch hinweise.

3 Kommentare

  1. sitopanaki88 · · Antworten

    🙂

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  2. […] Die liebe Silke von aber Wehe schreibt in ihrem wunderschönen Artikel über ihre erste, selbstbestimmte Geburtserfahrung, […]

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  3. […] Die liebe Silke von aber Wehe schreibt in ihrem wunderschönen Artikel über ihre erste, selbstbestimmte Geburtserfahrung, und […]

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