Zentralisierung der Geburtshilfe

Einer der drei „neuen qualitativen Akzente“ im Krankenhausplan 2015 von NRW ist das Strukturkonzept zur Versorgung gefährdeter Neugeborener.[1] In diesem Zuge wird die geburtshilfliche Versorgung der Perinatalzentren Level 1 und 2 gestärkt. Die Geburtshilfe soll an großen Kliniken mit Perinatalzentrum zentralisiert werden.
Perinatalzentren sind Einrichtungen zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen. Sie sind Einrichtung für Schwangere, denen eine Frühgeburt droht. Eine Fachklinik im Level 1 behandelt Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht unter 1.250g und einer Geburt vor der 29. Schwangerschaftswoche. In Perinatalzentren Level 2 werden Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht zwischen 1.250g und 1.499g und einer Geburt zwischen 29. und 32. Schwangerschaftswoche behandelt. Diese Perinatalzentren richten sich an Frauen, deren Schwangerschaftsverlauf nicht regulär verläuft und deren Kinder weit vor dem errechneten Termin auf die Welt kommen. Für die Mehrzahl der Gebärenden in Deutschland ist diese Spezialversorgung nicht notwendig.

Am Beispiel des Regierungsbezirkes Münster kann man die Zentralisierung gut beobachten. Es gibt hier heute 10 Perinatalzentren.[2] Von vier Kliniken in der Stadt Münster verfügen drei über Perinatalzentren. Zwei Kliniken wurden geschlossen. Der Landkreis Steinfurt verfügte 2000 noch über fünf Kliniken. Heute sind es noch zwei, eine davon ist eine mit Perinatalzentrum. Dieser Landkreis hat seit 2005 die zweithöchste Geburtenrate. Die einzige Klinik in der Stadt Bottrop ist eine Klinik mit Perinatalzentrum. In der Stadt Gelsenkirchen sind zwei von drei Kliniken als Perinatalzentrum ausgewiesen. Drei Kliniken wurden in den letzten Jahren geschlossen. Im Landkreis Coesfeld gibt es eine Klinik mit Perinatalzentrum. Es ist auch die einzige Klinik, die Geburtshilfe im Landkreis anbietet. Der Landkreis Borken war nicht von Schließungen betroffen. Von fünf Kliniken hat eine ein Perinatalzentrum. Dieser Landkreis hat die dritthöchste Geburtenrate innerhalb des Regierungsbezirkes. Der Landkreis Recklinghausen verfügt über eine Klinik mit Perinatalzentrum. Zudem gibt es hier noch sieben weitere Kliniken. Der Landkreis Recklinghausen hat mit Abstand die höchste Geburtenrate des Regierungsbezirkes Münster und daher die meisten Kliniken.

In dieser digitalen Übersicht des Regierungsbezirks Münster sind die Kliniken mit und ohne Perinatalzentrum dargestellt. Zudem sind alle geschlossenen Kreißsäle gekennzeichnet.

www.google.com/maps/d/edit?mid=z2DryeW8qgzU.kep4drv9Dtg0

Akte_NRW_Zentralisierung_Geburtshilfe

Der Christophorus Klinik im Landkreis Coesfeld (Regierungsbezirk Münster), Perinatalzentrum Level 1 und mittlerweile einzige Klinik im Landkreis, stehen durchschnittlich 1660,80 Geburten pro Jahr[3] im Landkreis gegenüber. Die durchschnittliche Fallzahl frühgeborener Kinder der Klinik beläuft sich auf 42 Kinder.[4] Das sind 2,53% frühgeborene Kinder und 97,47% Kinder, die ihre vollständige Reife erreicht haben und eine Spezialversorgung in einem Fachklinikum nicht brauchen. Sie werden aufgrund der langen Anfahrtswege demnach unnötigen Risiken ausgesetzt. (erhöhte Sterblichkeit während und nach der Geburt, höhere Komplikationsrate, mehr schwere Komplikationen[5]) Im Landkreis Coesfeld wurden in den vergangenen Jahren zwei Kliniken mit Geburtshilfe geschlossen.

Akte_NRW_Abbildung_7

Akte_NRW_Tabelle_2
Die Krankenhausbedarfsplanung NRW sieht vor, dass ein Krankenhaus der örtlichen Versorgung für Patientinnen und Patienten in kürzerer Entfernung als 20 km liegen soll. Von Sicherstellung der örtlichen Versorgung kann ausgegangen werden, wenn ein Krankenhaus nicht weiter als 15 bis 20 km entfernt ist[6] – das ist besonders für den ländlichen Raum relevant. Weiterhin heißt es: „ Die örtliche Versorgung umfasst überwiegend die allgemeine Innere Medizin und die allgemeine Chirurgie, mit Einschränkungen Frauenheilkunde und Geburtshilfe[7].“

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) fordert eine umfassende Reform der Krankenhausstrukturen. Dabei sollen die Qualität und die Erreichbarkeit von Krankenhäusern im Mittelpunkt der zukünftigen Krankenhausplanung stehen. In ihrem Gutachten von Oktober 2014 attestieren sie, “…dass die Erreichbarkeitssituation sowohl für die Grund- und Regelversorgung als auch für die Maximalversorgung derzeit gut ist: 99,6 Prozent der Bevölkerung finden innerhalb von 30 PKW-Minuten ein entsprechendes Krankenhaus der Grundversorgung, bei der Schwerpunkt- und Maximalversorgung gilt das für 96,3 Prozent innerhalb der Zeitspanne von 60 PKW-Minuten.“[8]

Da in vielen Regionen von NRW ortsnahe Geburtshilfe innerhalb von 15-20 Km und maximal 30 PKW-Minuten nicht mehr vorhanden ist und Geburtshilfe anscheinend nicht mehr zur Grundversorgung gezählt wird, müssen werdende Mütter und ihre Familien bis zu 60 PKW- Minuten in Kauf nehmen, um ein Klinikum, meistens Perinatalzentrum, zu erreichen. Hier stellt sich nun die Frage nach dem Vorhandensein medizinischer Notfallkonzepte. Was passiert, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt benötigt, weil es medizinisch unabdingbar ist? Hier sind 60 Minuten bis ins nächste Krankenhaus unverantwortlich. Ist ein Klinikum nicht innerhalb von maximal 20 PKW-Minuten erreichbar, bedeutet dies eine erhöhte Sterblichkeitswahrscheinlichkeit für Mutter und Kind.[9]


Fazit
: Schließungsvorhaben von ortsnahen Kreißsälen orientieren sich nicht an den Geburtenzahlen der Region, sondern an der Auslastung und damit der Wirtschaftlichkeit von Perinatalzentren. Diese hochmodernen und kostenintensiven Einrichtungen brauchen zur Wirtschaftlichkeit hohe Geburtenzahlen. Der Zweck dieser Einrichtungen, frühgeborenes Leben zu retten, geht mit einer Gefährdung von reif geborenen Kindern einher, da Frauen mit unauffälligen Schwangerschaften dem Risiko langer Anfahrtswege zur nächsten Einrichtung ausgesetzt werden. Sie werden gezwungen, in großen Geburtszentren zu gebären und auf ortsnahe und familiäre Geburtsbetreuung zu verzichten.
In eine langfristige Schieflage gerät die außerklinische Geburtshilfe. Kein Geburtshaus und keine Hausgeburtshebammen werden sich in Gebieten niederlassen, in denen keine Klinik in maximal 30 PKW-Minuten erreichbar ist. Sie haben dann für Verlegungen keine Möglichkeit, die Frauen zügig in eine medizinische Versorgung zu übergeben. Die optimale Versorgung frühgeborener Kinder sollte Hand in Hand mit einer optimalen Verfügbarkeit von Geburtshilfe für alle werdenden Mütter gehen. Kurze Anreisewege zur nächsten geburtshilflichen Einrichtung werden benötigt, um Gefahren für Mutter und Kind zu verringern. Mit Ausdünnung der Abdeckung durch Kliniken und Geburtshäuser wird dieser Erreichbarkeit systembedingt untergraben. Alle Kinder und deren Mütter müssen gut versorgt werden. Strategisch platzierte Perinentalzentren für Frühchen, wohnortnahe Geburtshilfe in kleinen Krankenhäusern für unauffällige Schwangerschaften, sowie flächendeckende Verfügbarkeit von Geburtshäusern und Hausgeburtshebammen muss das Ziel aller gesundheitsökonomischen Planungen sein.
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+++Akte NRW wurde am 11. Mai 2015 veröffentlicht. Alle Daten und Analysen, die sich auf die Recherche offener und geschlossener Einrichtungen beziehen, basieren auf dem Recherchestand von Februar 2015. Alle Angaben ohne Gewähr.
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[1] vgl. Krankenhausplan NRW 2015, S. 9, [Online], verfügbar unter: https://broschueren.nordrheinwestfalendirekt.de/broschuerenservice/mgepa/krankenhausplan-nrw-2015/1617, [27.02.2015]

[2] persönliche Recherche, Stand Februar 2015

[3] IT.NRW, [Online], Berechnung auf Basis der Geburtenzahlen der Kreise und kreisfreien Städte, verfügbar unter https://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2014/pres_260_14.html, [27.02.2015]

[4] www.perinatalzentren.org, Ergebnis der Suchanfrage Perinatalzentrum Coesfeld, [11.03.2015]

[5] Ravelli, ACJ et. al.. Travel time from home to hospital and adverse perinatal outcomes in women at term in the Netherlands. BJOG, 118(4):457-465, 2011.

[6] Krankenhausplan NRW 2015, S. 23, [online], verfügbar unter:
http://www.mgepa.nrw.de/gesundheit/versorgung/krankenhaeuser/krankenhausplan_NRW_2015/index.php, [27.Februar 2015]

[7] ebd.

[8] vdek Pressemitteilung, [online], verfügbar unter: http://www.vdek.com/presse/pressemitteilungen/2014/pk_krankenhausplanung.html,
[15.03.2015]

[9] Ravelli, ACJ et. al.. Travel time from home to hospital and adverse perinatal outcomes in women at term in the Netherlands. BJOG,
118(4):457-465, 2011.

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