Einmal Tacheles, bitte!

Was wird uns wohl diesmal versprochen werden? In schillernden Farben und mit glanzvollen Worten wird man uns werben wollen, denn wir haben ja was ganz wichtiges: Stimmrecht. Wir sind Weibsvolk genug, um ca. 50 % der Wahlstimmen für die kommende Bundestagswahl zu stellen. Ja, etwa die Hälfte der Wähler sind weiblich. Wir sind eine eigene Zielgruppe in den Augen der Parteistrategen. Und auch wenn unseren vielfältigen Themen oft genug nicht die entsprechende Bedeutung beigemessen wurde und wird: wir sehen genau hin. Ganz genau!
Unsere Wahlentscheidung ist eine informierte und kritische Entscheidung. Unser Vertrauen bekommen die Parteien nicht geschenkt – für keinen Honig der Welt, der versucht wird, uns um den Mund zu schmieren. Verschont uns daher mit Lippenbekenntnissen und inhaltsloser Prosa. Einmal Tacheles, bitte!

Bringen wir es auf den Punkt: Geburtskultur im Wahljahr 2017

Geburtshilfe in Deutschland ist nicht mehr sicher.
Wohnortnahe, flächendeckende Versorgung mit Hebammenbetreuung für die Schwangerschaftsvorsorge, die Geburt und das Wochenbett ist in sehr vielen Regionen Deutschlands mittlerweile zu einer Ausnahme geworden.
Geburtskliniken und -abteilungen, ebenso wie Geburtshäuser, werden deutschlandweit geschlossen, nicht nur auf dem Land, sondern auch in Großstädten. Hausgeburtshebammen geben ihre Berufung auf.
Gebärende werden wegen Überfüllung von Kreißsälen abgewiesen. Hebammen bereuen in Kliniken bis zu fünf Gebärende gleichzeitig. Interventionskaskaden bei reduzierter menschlicher Betreuung führen zu hohen Kaiserschnittraten in den verbliebenen Kreißsälen.
Geburtshilfe ist in Deutschland häufig respekt- und würdelos. Bis zu 50% der Gebärenden erleben nach Expertenmeinungen gewaltsame Geburten. Systemische Gewalt an Frauen und deren Kindern in der Geburtshilfe ist ein Fakt und kein Märchen.

Die Situation ist dramatisch – seit Jahren. Die Betroffenen bleiben nach wie vor ungehört.

Würdevolle und sichere Rahmenbedingungen in der Geburtshilfe werden maßgeblich durch die Politik der demokratischen Parteien geprägt.

Wie konnte es soweit kommen, dass Gebären in Deutschland für Frauen und Kinder viel zu oft zu einem Risiko wird?


Wir fragen nach – die Bundestagsparteien antworten konkret
(so der Plan)

Das Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur hat im Februar konkrete Fragen formuliert und sie den Parteien im Bundestag zukommen lassen. Bis Anfang April 2017 erwarten wir mit Spannung die inhaltliche Beantwortung unserer Prüfsteine.

 

„Das Netzwerk für Geburtskultur ist ein Zusammenschluss von Elternvereinen,- Initiativen und Einzelpersonen sowie unterstützenden Vereinen und Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Geburtskultur in Deutschland positiv zu verändern. Es setzt sich dafür ein, Bedingungen zu schaffen, die einen gesunden Start für junge Familien in der Bundesrepublik ermöglichen.„

*Die Wahlprüfsteine des Netzwerkes der Elterninitiativen für Geburtskultur*

Geburtskultur umfasst die Pflege und formende Gestaltung all der Prozesse, die mit dem Erleben einer Geburt in Zusammenhang stehen: Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und das erste Lebensjahr des Kindes. Eine positive Geburtskultur im Sinne der Eltern und des Kindes wird für uns durch eine sichere, bedarfs- und bedürfnisorientierte, gewaltfreie und menschenwürdige Grundversorgung. Diese besteht aus folgenden Bausteinen:

  • Eine wohnortnahe Schwangerenvorsorge, die entsprechend den Wünschen der Frau gleichwertig von Arzt und Hebamme durchgeführt werden kann.
  • Geburtshilfe und Geburtsmedizin sind flächendeckend verfügbar.
  • Während der gesamten Geburt, beginnend mit der Eröffnungsphase, wird die gebärende Frau 1:1 von einer Hebamme betreut. Frauen werden in ihrer Fähigkeit zu gebären gestärkt.
  • In den Geburtsfortschritt wird nur in medizinisch notwendigen Fällen nach Prüfung der individuellen Situation und ausführlicher Aufklärung eingegriffen.
  • Während der gesamten Wochenbettzeit kann die Mutter eine aufsuchende Wochenbettbetreuung durch eine Hebamme nutzen.
  • Der durch veränderte Familien- und Arbeitsstrukturen erhöhte Bedarf an familiennahen Dienstleistungen in der Wochenbett- und Stillzeit wird durch qualifizierte, niedrigschwellige Anlaufstellen zur Hebammenhilfe ergänzt und als Kassenleistung anerkannt, z.B. Wochenpflegemodell wie in den Niederlanden.
  • Der kostenfreie Zugang zu allen Informationen und eine wertungsfreie und ergebnisoffene Aufklärung ermöglichen den Eltern den eigenverantwortlichen Umgang mit den Angeboten rund um Schwangerschaft und Geburt.

Frage 1: Was bedeutet eine Geburtskultur im Sinne von Mutter und Kind für Sie und durch welche Maßnahmen wird dies zukünftig umgesetzt?


 

Frage 2: Mit welchen konkreten Maßnahmen werden Sie die Bundeskaiserschnittrate auf das von der WHO empfohlene Niveau von höchstens 10-15% senken?


 

Frage 3: Wie werden Sie eine 1:1-Betreuung durch eine Hebamme während der gesamten Geburt garantieren (nicht nur während der Austreibungsphase)?


Viele Frauen berichten von Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft, unter der Geburt und/oder im Wochenbett. Unter anderem durch Personalmangel und die implementierten Strukturen in Krankenhäusern sind sie in ihren Persönlichkeitsrechten und ihrer Selbstbestimmung stark eingeschränkt. Ihre Menschenrechte werden verletzt (Recht auf bestmöglichen Gesundheitsstandard, Recht auf körperliche Unversehrtheit und Recht auf eine würdevolle und wertschätzende Gesundheitsversorgung). Die WHO empfiehlt Maßnahmen zur „Vermeidung und Beseitigung von Geringschätzung und Misshandlung bei Geburten in geburtshilflichen Einrichtungen“.

Frage 4: Mit welchen Maßnahmen werden Sie Frauen und ihre Kinder vor individueller, struktureller und systemischer Gewalt schützen und die Wahrung ihrer Menschenrechte fördern?


 

Frage 5: Wie werden Sie eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung mit qualifizierter Schwangerenvorsorge, 1:1-Geburtshilfe – idealerweise durch eine Bezugshebamme – und aufsuchender Wochenbettbetreuung gewährleisten, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen zunehmenden bundesweiten Klinikschließungen und des Personal- und Hebammenmangels sowohl in den Kliniken als auch im freiberuflichen Sektor?


Nach der Hebammenbetreuung im Wochenbett übernimmt der Kinderarzt die medizinische Betreuung des Kindes. Auch die kinderärztliche Versorgung verschlechtert sich zusehends. Das Versorgungsstärkungsgesetz strebt eine Verbesserung der Situation in ländlichen Regionen an, spitzt aber in Städten und Ballungsräumen die bereits extrem angespannte Versorgung weiter zu. Zusätzlich nimmt die Abdeckung mit Kinderkliniken weiter ab.

Frage 6: Was stellen Sie dieser Entwicklung entgegen, um sowohl in Städten und Ballungsräumen als auch im spärlich besiedelten ländlichen Bereich jedem Kind wohnortnah kinderärztliche Versorgung zu garantieren?


 

Frage 7: Die Eltern haben trotz ihrer zentralen Rolle im Geschehen kein Mandat. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um uns Interessensvertretern der Eltern dieses Mitspracherecht zu garantieren?

 

Die Antworten, welchen wir von den Parteien erhalten werden, sind im April auf unserer Netzwerkhomepage abrufbar: www.netzwerk-geburtskultur.de/wahlprüfsteine/

Inhaltliche Hilfestellung notwendig? Glossar der Wahlprüfsteine. Zum Vergrößern bitte Bild anklicken. (c) Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur


 

Es grüßt euch Silke,
von Elternstimme sichere Geburt

 


Wer einen kleinen Streifzug durch unsere Geburtshilfe unternehmen möchte, kann sich hier informieren:
* Kein Platz für Schwangere
* geteilte Schwangerenvorsorge
* von einem der auszug, das Fürchten zu lernen
* noch eine Operation: alle Routine
* macht euch auf den Weg
* Du allein warst es, die das Kind geboren hat
* Überlastet? Austausch heißt die Zauberformel
* der beste Weg auf die Welt
* Frauen! Erkennt die Beleidigung
* Entbindest du noch, oder gebierst du schon?
* An dem Produkt ist was kaputt, das ist die Reklamation
* Mama ist nicht schuld
* Volkssport Hebammen retten
* Unglaublich aber wahr – Klassiker im Kreißsaal
* Aus die Maus
* Ich glaub, es hackt!
* Das Vielleicht und das Eventuell
* Fehlentscheidungserträgerinnen
* Natürliche Geburt ist ein Menschenrecht
* Das Sterben der Geburtshilfe in NRW

 

 

4 Kommentare

  1. Liebe Silke,

    ich bin schon gespannt wieviele Antworten ihr überhaupt erhaltet beziehungsweise was sie aussagen! Und dann bleibt ja immer noch der Zweifel: sind es wieder nur leere Versprechungen vor einer Bundestagswahl?

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 1 Person

    1. ja, gespannt sind wir alle. Ich bin sicher, dass sich einige Partein zurückmelden werden. Ob es alle tun? Wer weiß…

      Gefällt 1 Person

  2. solittletimede · · Antworten

    Bin in der 16. Woche, habe bisher über 15 Absagen von Hebammen in der Tasche und auch keine Aussicht darauf, (in München) noch eine Hebamme zu finden, die mich betreuen kann. Im Geburtshaus konnte ich nur noch auf eine Warteliste aufgenommen werden. Selbstbestimmt fühlt sich für mich da gar nichts mehr an und was eigentlich die schönste Zeit meines Lebens sein sollte, entpuppt sich gerade als wilde Achterbahnfahrt aus Wut, Traurigkeit und Verzweiflung.
    Ich bin sehr gespannt auf die Antworten. Danke für eure Arbeit.
    Viele Grüße Andrea

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Andrea, das tut mir sehr leid, dass deine Bemühungen eine Geburtsbegleitung zu bekommen, bis jetzt erfolglos waren. Ich wünsche dir, dass sich das Blatt für dich wendet. Bitte gib nicht auf und lass dich durch de äußeren Umstände nicht davon abhalten, froher Hoffnung zu sein.
      Jeder Frau die ähnliche Erfahrungen macht, kann ich nur raten, sich schriftlich an ihre Krankenkasse zu wenden und diese bei der Hebammensuche mit einzubinden. Zudem freut sich das Gesundheitsamt, welches die „Aufsichtsbehörde“ der Hebammen ist, über eine Mangelmeldung.
      Liebe Grüße, Silke

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