Veränderung durch Widerstand

Februar 2014: „Wir sind raus“, sagt die Nürnberger Versicherung, „ Wir wollen ab nächstem Jahr keine freiberuflichen Hebammen mehr versichern.“  Punkt!
Es sind bisher drei Versicherer, die diesen speziellen Versicherungsmarkt aufrechterhalten. Ein Konsortium. Steigt einer aus, bricht der Markt für Haftpflichtversicherungen für freiberufliche Hebammen zusammen. Nun war es soweit. Schock! [1]

Tick, Tack, Tick, Tack – der Countdown läuft. Noch knapp ein Jahr. Wenn bis 2015 keine Lösung gefunden wird, dann droht das komplette Aus. Keine Geburtsvorbereitung mehr, keine freiberufliche Geburtsbegleitung, keine Wochenbettbetreuung und keine Rückbildungskurse für Hebammen, die ihren Beruf in vollem Umfang ausführen wollen. Allen freiberuflichen Hebammen, unabhängig davon, ob sie in Kreißsälen arbeiten, in Geburtshäusern oder in der Hausgeburtshilfe wird damit ein Berufsverbot erteilt. Denn ohne Versicherung ist keine Berufsausübung möglich. Zugleich, und das ist die Crux, dürfen Geburten ohne das Beisein einer Hebamme nicht begleitet werden, auch nicht in den Kliniken. Wenn die Politik jetzt keine Lösung findet, ist es vorbei. Es sind Hebammen betroffen, die ihren Beruf vielleicht schon in einem Jahr nicht mehr ausüben können und dann vor dem existentiellen Nichts stehen. Sie sind jedoch nicht die einzigen Verlierer in diesem Spiel.

Worüber keine Zeitung 2014 berichtete: die weitaus größere Gruppe der Verlierer sind die Frauen.
Sie sind es, die die Verantwortung für das neue Leben tragen, sie gebären und ihnen wird die Unterstützung entzogen –  Hilfe durch Hebammen, die sie während der Schwangerschaft, bei der Geburt und nach der Geburt benötigt könnten. Aufgabe der Ärzte ist das Aufspüren und Behandeln von Krankheiten. Weder Gynäkologen noch Kinderärzte haben das Wissen noch die Zeit, die Arbeit einer Hebamme zu übernehmen. Kreißsäle und Geburtshäuser schließen, Hausgeburtshebammen hängen ihren Beruf an den Nagel. Die Wahlfreiheit und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen wurde beschnitten und soll, wenn es so weitergeht, weiterhin mit Füßen getreten werden.

Vor diesem Hintergrund wurde vor drei Jahren die Facebook-Gruppe „Hebammenunterstützung“ gegründet, aus der sich ein Jahr später auch ein Verein herausbildete. Ich erinnere mich noch genau an diesen Februar 2014. Von überall strömten Tausende virtuell zusammen. Sie fanden in dieser Gruppe eine gemeinsame Basis für den Austausch von Informationen, eine Basis für das Vernetzen und einen Ort, um gemeinsame Aktionen zu planen. Das war der richtige Schritt zur richtigen Zeit.

Eine neue soziale Bewegung von Frauen und Männern wurde geboren – die Elternprotestbewegung für eine sichere Geburtskultur in Deutschland.

Die erfolgreiche Petition von Anke Bastrop 2013, die Folgepetition von Bianca Kasting 2013/2014 und die weiteren Petenten Sabine Schmuck und Michaela Skott, haben der Elternprotestbewegung einen formalen und politischen Rahmen gegeben, in dem sich das Potential dieser sozialen Bewegung für eine sichere Geburtskultur in Deutschland entfalten konnte.  Innerhalb dieses Rahmens haben sich bundesweit so viele Frauen und Männer gestärkt gefühlt Aktionen in ihrer Heimatstadt zu starten, um auf die vielen Missstände aufmerksam zu machen. Und auch die bereits bestehenden Elterninitiativen und Elternvereine, die sich um eine Verbesserung unserer Geburtskultur kümmerten, sind dadurch gestärkt worden. Jetzt gab es die Chance für große Bündnisse.

Die Arbeit hinter den Kulissen, das Datensammeln und Datenaufbereiten, das Netzwerken untereinander, die Öffentlichkeitsarbeit auf unterschiedlichen Kanälen, politische Druckmaßnahmen, grafische Arbeiten, Abgeordnetengespräche, Mahnwachen, etc.- das ist alles nicht nur viel Arbeit, das ist vor allem viel Leidenschaft.

Neben den Elternprotestlern, die kontinuierlich über die Jahre aktiv dabei waren, gibt es so einige Eltern, die nur ab und zu dem Elternprotest zugewandt sind. Viele haben unterdessen schon aufgegeben. Andere meinen, das geht sie nichts mehr an, denn sie haben ja bereits Kinder geboren.

Das Gefühl, dass es nichts bringt, weil wir Mütter/Eltern nur das letzte Glied in der Kette sind, der Rattenschwanz der Geburtslandschaft, hat sich breit gemacht.
Dabei sind wir das breite Ende – wir sind die große Masse, die Überlebenden, die Glücklichen und die Suchenden, die, die aktiv gestalten wollen.

Die Elternschaft in Deutschland kann richtig ausholen. Und das sollte sie auch, denn wir machen Generationsarbeit. Als nächstes sind unsere Kinder betroffen und dann auch unsere Enkel, und zwar wie bei uns, am empfindlichsten Punkt – am Anfang des neuen Lebens. Also da, wo alles beginnt. Da, wo die Grundsteine für unser seelisches und körperliches Sein gelegt werden. Da, wo die ersten inneren Kinder gezeugt werden. Da, wo wir am Verwundbarsten sind.

Ganz nüchtern betrachtet, legen wir durch unseren Widerstand „nur“ Steine in einen Fluss.
Der Fluss wird weiterfließen. Den halten wir nicht auf. Es ist ein Fluss und wir nur Steineleger. Auch die Anerkennung, die wir mit dieser Berufung erhalten und uns selbst entgegenbringen, ist nüchtern betrachtet nicht das, was unsere Akkus permanent auf Hochtouren bringt und unser Herz mit Glückshormonen überschüttet. Wäre da nicht das innere Wissen, dass es der richtige Weg ist und dass wir Geschichte schreiben. Diese Geschichte handelt von Steinen, die wir in einen reißenden Fluss legen – behutsam, bedacht und dennoch mit voller Wucht und mit Wut im Bauch. Wir wissen, wie es ist zu überleben. Und wir wissen auch, wie wichtig es ist, in einem reißenden Fluss Halt zu finden – sei es nur an einem Stein.

Wenn Wasser eine Zeit lang über Steine gespült wird, werden die Steine rund und verlieren ihre scharfen Kanten. Das ist der Lauf der Dinge. Sie bleiben jedoch liegen. Es sind unsere Kinder, und eines Tages auch unsere Enkel, die am Fluss spielen und seinen Verlauf beobachten. Sie entscheiden, ob er gefährlich anmutet oder einlädt, ihn zu betreten. Sie werden die Steine sehen, die Halt geben und dem Fluss seine Geschwindigkeit nehmen. Und sie werden sich fragen, was wohl dazu geführt hat, dass so viele, große und kleine Steine das Flussbett zieren.
Jeder Gedanke hat einen Anlass. Und zu einem Gedanken gesellt sich gern ein zweiter hinzu. Schritt für Schritt entsteht so ein inneres Bild der kleinen Flusslandschaft, die es zu erkunden gilt.

Es ist nun Februar 2017
. So sieht die Elternprotestbewegung in Deutschland heute aus: Eine Vielzahl von alten und neuen Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen. Sie sind flächendeckend über ganz Deutschland verteilt und in Bündnissen organisiert. Ein großer Himmel voller Sterne, könnte man sagen. Und da sie gemeinsam leuchten, ist es auch nicht mehr so #zappenduster hier.

Veränderungen erreicht man nur durch Widerstand –durch inneren und äußeren. Das rebellische (virtuelle) Weibs- und Mannsvolk aus Februar 2014 ist zu einer Real – Life – Allianz gewachsen, die heute gemeinsam eine Geburtskultur gestaltet, um das schöne Fleckchen Erde am Fluss zu schützen und es sicherer zu machen.

Dieser Beitrag heute ist für euch- für uns. Er hätte auch den Titel: „Geburtsarbeiterinnen aller Länder vereinigt euch.“ tragen können.

Solidarische Grüße an alle Mitstreiter*innen, egal aus welchem Verein, Initiative, Organisation oder Hilfestellungsgruppe. Sammelt weiter die Steine für das Flussbett, aber werft sie nicht zwischen uns. Da gehören sie einfach nicht hin.

 
Silke
von Elternstimme sichere Geburt

 

 

 

 

___________________________________________________________________

[1] Was ist passiert? Der Grund für den Ausstieg der Versicherungen: Es sind die drastisch gestiegenen Kosten im Schadensfall. Diese sind nicht dadurch gestiegen, dass es mehr Schadensfälle in der Geburtshilfe gab. Nein. Sie sind gestiegen, weil es aufgrund des medizinischen Fortschritts mehr überlebende Babys bei Geburtskomplikationen gab. Zudem beträgt die Haftungszeit nach Geburt 30 Jahre. Auch Eltern eines z.B. 10 Jahre alten Kindes können die Geburtshelfer verklagen, wenn sie annehmen, dass bei der Geburt Fehler gemacht worden sind, die ihr Kind nun beeinträchtigen. Auch die Versorgungskosten geschädigter Kinder sind enorm in die Höhe geschnallt. Auch hier nicht weil es mehr Geschädigte gab als in den Jahren zuvor. Nein. Sie sind gestiegen, weil der Markt für medizinische, therapeutische und technische Hilfestellungen für geschädigte Kinder weiter ausgebaut wurde und die Nachfrage dadurch ebenfalls stieg. Diese Angebote helfen geschädigten Kindern länger und würdevoller zu leben. Durch die verlängerte Lebenszeit erhöhen sich auch die Kosten für diese medizinische und therapeutische Hilfe und auch die Renten, welche die Kinder erhalten. Die Versicherungen wollen das nicht mehr bezahlen, denn dann verdienen sie kein Geld, sondern geben es aus.

 

2 Kommentare

  1. Bernd Uhlmann · · Antworten

    Können Sie mir sagen, woher Sie die Info haben, dass die Nürnberger aus dem Versicherungskonsortium aussteigen will?

    Gefällt mir

    1. Hallo Herr Uhlmann,
      im Februar 2014 war das die Ankündigung, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Der Anfang des Blogtextes ist ein Kurzrückblick auf die Geschehnisse vor drei Jahren.
      Liebe Grüße,
      Silke

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: