Bitter

Am 15.11.2016 hat der europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass in Tschechien die Möglichkeit für Frauen, den Geburtsort ihrer Kinder in die eigenen vier Wänden zu verlagern, im Ermessungsspielraum des Staates liegt und nicht im Entscheidungsspielraum der Frauen selbst.

Da es keinen europäischen Konsens darüber gibt, ob Hausgeburten als Wahloption für werdende Mütter angeboten werden sollen, entscheidet jedes Land also autonom darüber, ob es Hausgeburten zulässt oder nicht. Tschechien entschied sich dagegen.
Frauen dürfen zwar ihre Kinder zu Hause gebären, aber die Hebammenhilfe wird ihnen subtil verweigert. Hausgeburtshebammen benötigen in Tschechien eine spezielle Genehmigung der Gesundheitsbehörden, die wohl kaum zu beschaffen ist. Und würden sie dennoch Frauen zu Hause begleiten, so drohen ihnen Strafen.
Hausgeburtshilfe als kriminelle Handlung.

Was in der Generation meiner Mutter, als auch in der Generation meiner Großmutter noch völlig normal war, nämlich, sein Kind zu Hause zu gebären, mutiert in Tschechien zur Straftat. Das ist bitter. Bitterer geht´s nicht mehr.

Dem Zugriff staatlicher Kontrolle und Regulation in die intimsten Winkel der Privatsphäre von Frauen und Familien, wird in unserem Nachbarland der Weg geebnet. Tschechische Frauen müssen auf ihr Recht auf Selbstbestimmung verzichten. Sie haben keine Wahl mehr, den Ort der Geburt ihrer Kinder nach ihren Bedürfnissen und Wertmaßstäben auszuwählen.
Andere entscheiden für sie, was gut für sie ist.

Ein fremdbestimmter Lebensanfang. Ein fremdbestimmtes Lebensende.
Und dazwischen sieht es auch nicht besser aus, nicht nur in Tschechien.

Wo ist die Freiheit des Individuums? Wo ist die Anerkennung der Mündigkeit des Menschen? Wo ist der Respekt? Wo ist der solidarische Aufschrei?

Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Schutz der Gemeinschaft, unabhängig seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seiner sonstigen Überzeugungen.
Und wenn es Frauen gibt, die ihren Schutzraum für sich und ihr Kinder zu Hause finden und eben nicht in einem Krankenhaus, so haben auch diese Frauen das Recht darauf, beschützt zu werden. Beschützt zu werden heißt nicht, ihnen die Rahmenbedingungen für ihre Entscheidungsfreiheit zu kürzen, sie zu diskriminieren, zu entmündigen oder sogar zu kriminalisieren. Beschützen heißt, ihnen das Rückgrat zu stärken, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen und auf sie zu achten. Genauso, wie auf die Frauen geachtet werden muss, die sich zur Geburt in eine Klink begeben, die sich ihre Niederkunft in einem Geburtshaus wünschen oder auf sämtliche Unterstützung verzichten und ihr Kind allein gebären. Sie alle haben das Recht auf Schutz durch die Gemeinschaft: auf Schutz ihrer Körper, auf Schutz ihrer Gefühle, auf Schutz ihrer Entscheidungsautonomie und sie haben das Recht auf Respekt ihrer Mündigkeit.

Es geht um die Bewahrung von Vielfalt und um Schutz vor Diskriminierung. Es geht um Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Es geht um Solidarität und Toleranz.

Alles andere ist Kontrolle und Gleichschritt. Wir wissen, wo das hinführen kann.

Silke, von Elternstimme sichere Geburt.

 


 

2 Kommentare

  1. Erschreckend, diese Beschneidung der Selbstbestimmung. Es kann doch nicht sein, dass der Staat werdenden Mütter vorschreibt wo sie zu gebären haben. Ich hoffe, die Tschechinnen protestieren dagegen in irgendeiner Form.

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