Macht Euch auf den Weg

Donnerstagmorgen, 7.00 Uhr: das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist eine Kollegin aus dem Kreißsaal. Sie sagt in einer ganz bestimmten Tonlage: „Anja, eine deiner Frauen ist hier.“

Wow! Es schwingt Gereiztheit, Stress und genervt sein mit. Eine Stimmung, die im Team schon lange Einzug gehalten hat. Schuld an dieser Stimmung sind immer anspruchsvollere Dienste, unüberschaubare Überstunden, „Notrufbereitschaften“ (wenn mal wieder gar nichts geht), das Aufgeben der eigenen Idealen seines Berufes, der scheinbar mangelnden Unterstützung von höherer Instanz.

„Mach dich auf“, denke ich.

Endlich will das kleine Mädchen zur Welt kommen auf dessen Geburt ich schon seit dem Wochenende warte. Die letzte Meldung von der werdenden Mama erhalte ich dann kurz bevor sie ins Auto steigt, um in den Kreißsaal zu kommen. Ihre Wehen sind regelmäßig, der Muttermund bereits 6 cm geöffnet.

Jippi! Meine Vorfreude steigt. Ich darf die Familie jetzt das zweite Mal begleiten und freue mich darauf.

Als ich im Krankenhaus ankam, sehe ich vor jedem Kreißsaal ein Bett stehen und wildes Gewusel der diensthabenden Kolleginnen schwappt mir entgegen. Ein Blick auf die Übergabetafel zeigt mir den Status „Voll bis unter die Decke“.
Mehr oder weniger betreuungsintensive Frauen werden sich an diesem Tag wieder die Türklinge in die Hand geben, daneben werden sieben Kinder geboren und dann komme ich noch mit meiner Belegfrau.

Das Paar welches ich begleite, wartet schon im einzigen Kreißsaal mit Schallschutztür. Darüber freue ich mich gerade enorm. Tür zu – Ruhe ist.

Vorher blafft mich noch meine Kollegin an: „Deine Frau war nicht zur Anmeldung. Sie ist nicht aufgeklärt.“ OK! Was für eine Stimmung an einem Ort, wo tagtäglich das Wunder der Geburt stattfindet. Gute Laune und Empathie sind zwei der wichtigsten Gefühle, die eigentlich hier spürbar sein sollten. Ich habe dennoch Verständnis, denn ich mache mir Sorgen um „mein“ Team.

Ich arbeite seit 16 Jahren mit den Kolleginnen zusammen, wir hatten kaum Fluktuation im Team – eine gefestigte Gemeinschaft. Viele Dienste haben wir zusammen gewuppt, manch private Krise gemeistert, gelacht und sich immer wieder zusammengerauft.
Aber ich beobachte eine Veränderung seit einiger Zeit. Nicht nur die Fluktuation hat plötzlich Einzug gehalten, nein, vielmehr beobachte ich wie jede einzelne Kollegin immer wieder und immer öfter an ihre Grenze kommt. Ich sehe erfahrene Kolleginnen weinen und spüre die Unzufriedenheit und den Unmut, der sich im Team breit gemacht hat.

Unser Team ist ganz klar ein Opfer der Zentralisierungsidee von Herrn Gröhe geworden. Viele Kliniken im Umkreis wurden geschlossen. Doch keiner hat bedacht, dass wir das mit viel zu wenig Personal (offene Stellen bleiben unbesetzt weil der Nachwuchs fehlt) und viel zu wenig räumlichen Möglichkeiten auffangen müssen. (Man baut nicht eben mal so eine Geburtsstation um.)

Ein Dienst wie heute – am Rande der Verzweiflung –  findet immer häufiger statt.
Die Grenzen jeder einzelnen Kollegin sind schon so oft überschritten worden. Aber „Frau“ zieht es durch, verliert dabei ihre Ideale und Überzeugungen, ihre Energie, ihre gute Laune und bekommt immer mehr Angst Fehler zu machen. Leidtragende sind alle: Die Hebamme selbst, ihre Kolleginnen, die schwangeren Frauen, die Neugeborenen, die Familien und das Team.

Seit letztem Jahr trauen sich die Kolleginnen Überlastungsanzeigen zu schreiben. Nicht, weil sie „überlastet“ sind. Nein, weil sie Angst haben aus Organisationsverschulden ein Menschenleben zu gefährden. Wenn sich nicht bald jemand auf den Weg macht, wird das wohl das Ergebnis sein.

Mach Dich auf den Weg, Kollegin! Ändere etwas für Dich persönlich. Hab Mut Überlastungsanzeigen zu formulieren. Suche nach Fakten und Lösungen. Verlasse das Argumentieren mit Emotionen und bleib Dir treu!

Mach Dich auf den Weg, Kreißsaalleitung! Stärke Dein Team und achte auf Dich. Delegiere was möglich ist. Gemeinsam sind wir stark!

Macht Euch auf den Weg, Pflegedienstleitung und Geschäftsführung!
Wenn Hebammen anfangen von Überlastung zu sprechen, versichere ich Euch , ist das schon längst der Fall. Nehmt die Überlastungen ernst, denn es geht um Menschenleben. Handelt zügig und nehmt die positive wirtschaftliche Bedeutung einer gutgehenden Geburtsstation für das gesamte Haus wahr.

Mach Dich auf den Weg, Hebammenverband! Die Zeiten sind nicht weiter so rosig, sie sind gefährlich geworden. Überdenk Deine Strategie. Denn wirklich viel haben Plakate oder Wiegekarten bisher nicht gebracht.

Mach dich auf den Weg, werdende Mama! Wir brauchen weiterhin die Unterstützung der Familien. Vereinigt Euch. Kämpft für Eure Rechte.

Machen Sie sich auf den Weg, Herr Gröhe!
Ich bin verwundert, wie blind ein wissender Mensch vor Problemen sein kann. Hat der Spitzenverband der Krankenkassen Sie so gut im Griff? Stehen SIE mit vor Gericht, wenn es zu einem Verfahren wegen „Organisationsverschulden“ kommt? Wie erklären SIE der Allgemeinheit die Folgekosten derjenigen Kolleginnen, die im Burnout landen?
Springen SIE ein, wenn mal wieder nichts im Kreißsaal geht und die Luft brennt?

Ich für meinen Teil, mache mich auf den Weg! Ich zeige Überlastungen an wo ich sie anzeigen muss. Ich komme mit einem Lächeln zum Dienst, sorge mit Aufmerksamkeit für meine Kolleginnen, glaube an die Kraft der Gemeinschaft und an das Wunder der Geburt.

Macht Euch alle auf den Weg und verändert die Zustände!!!

 

P.S: Die Kleine wurde rund zweieinhalb Stunden später mit der Kraft ihrer Mutter und dem Zuspruch des Vaters wunderbar geboren und empfangen.


Diesen #Gastbeitrag über den Klinikalltag einer Beleghebamme verdanke ich Anja Lennertz. Sie ist die Hebamme am Limit.

Anja, alles Gute auf deinem Weg.

Silke, von Elternstimme sichereGeburt


4 Kommentare

  1. Ein sehr bedrückender Einblick, der mich schaudern lässt. Wollen wir wirklich, dass unter solchen Bedingungen unsere Kinder diese Welt betreten? Sollte uns das nicht mehr wert sein?
    Staat und Eltern geben Unsummen für ihren Nachwuchs aus, aber bei diesem entscheidenden Schritt wird aus meiner Sicht unverständlicher Weise weiter blind gespart.
    Ich wünsche Anja und allen Hebammen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen wesentlich verbessern, so dass sie wieder mit Freude und Elan ihre so wichtige Arbeit verrichten können. Denn: Hebammen brauchen wir – UNBEDINGT!

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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  2. Genau das trifft zu. Auch hier in Oberbayern
    Meine Hebamme macht 3monate Kurzschlusspause.
    Es gibt zum Glück ersatz. Der aber sehr jung ist.

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  3. Ich wünsche uns allen, dass wir begreifen, wie fundamental es ist, wie wir geboren werden, wie die Zeit der Schwangerschaft verlaufen ist und die Zeit, in der wir mit unseren Kindern ankommen, also nach der Geburt. Das sind Grundsteinerfahrungen, die unser gesamtes Leben prägen und das unserer Kinder.

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  4. […] Macht Euch auf den Weg […]

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