Überlastet? Austausch heißt die neue Zauberformel!

Heute gehe ich mal ins Detail. Die Schlagzeilen „Kreißsaal überfüllt“,  „Hebammenmangel“ oder „Schwangere abgewiesen“ kennen wir ja alle schon zur Genüge. Umso häufiger man sie liest, desto eher gehen sie im medialen Gebärgeschehen in Deutschland unter. Das ist traurig, jedoch unserer begrenzten Aufmerksam geschuldet – vor allem, wenn wir dem Thema Geburt nicht mehr ganz so hochschwanger gegenüberstehen. Leider habe ich den Eindruck, dass auch schwangere Frauen zu häufig ihre Aufmerksamkeit ausreizen und sie eher auf den Konsum von Babyzubehör oder diagnostischen Wahrscheinlichkeiten richten, als auf die Herz-und-Nieren-Prüfung des Ortes ihrer Niederkunft.
In diesem Beitrag geht es um das Gebären in Hannover, um Überlastungsanzeigen im Kreißsaal und darum, wie findige Geschäftsführer Mitarbeiter zum Gehorsam bringen wollen.

Notstand in Hannover – was ist da los?
Im Juni 2016 musste erstmals eine Klinik mit Perinatalzentrum wegen Hebammenmangel seine Kreißsäle schließen. Ein ganzes Wochenende lang konnten Frauen im Henriettenstift in Hannover  zwischen 14:00 Uhr und 21:30 Uhr nicht mehr gebären. Erschwerend kam hinzu, dass auch die zweite Level 1 Klinik in Hannover, die MHH,  keine Risikoschwangeren mehr aufnehmen konnte, da alle Intensivbehandlungsplätze auf der Frühchenstation belegt waren. Die Verfügbarkeit eines Intensivbehandlungsplatzes ist aber Voraussetzung bei der Aufnahme einer Frau mit Risikogeburt.
Ende August schlossen im Henriettenstift erneut die Kreißsäle für die Dauer einer ganzen Schicht.

Das Henriettenstift in Hannover ist eine hochzertifizierte Schwerpunktklinik zur Versorgung von Neu- und Frühgeborenen, eine Level 1 Klinik. Seit der Schließung der Geburtshilfe im Nordstadtkrankenhaus 2015 ist kein Konzept entwickelt worden, um die Lücke in der Versorgung von Schwangeren zu schließen. Zwei Jahre zuvor wurde zudem noch die Geburtshilfe in der Paracelsusklinik in Langenhagen geschlossen. Die verbliebenen Geburtskliniken in Hannover meistern eine Mehrbelastung von fast 2000 Geburten pro Jahr.

Im September 2016 wurde dann bekannt, dass die Versorgungsprobleme gravierender sind, als bisher angenommen. Der Klinikträger Diakovere, zu dessen Verbund auch das Friederikenstift gehört, griff Anfang des Monats in die Trickkiste und tauscht kurzerhand die Hebammenteams der beiden Kliniken aus. Die Diakovere-Geschäftsführung bemängelt bei den Hebammen des Henriettenstifts offenbar die Bereitschaft, sich an der Lösung von Problemen zu beteiligen. Es gäbe zu viele Krankmeldungen und zudem noch Unwillen bei dem Tausch von Diensten, um Lücken in der Besetzung zu schließen.

Moment Mal, das ist doch ´ne Rechnung ohne die Milchmädchen!
Da macht es sich die Klinikleitung doch sehr einfach. Der hohe Krankheitsstand der Hebammen im Henriettenstift und deren Unmut kommt nicht irgendwo her. Durch die Schließungen umliegender Geburtskliniken und dem konsequenten Anstieg der Geburtenraten kommt es auch hier zu einer steigenden Arbeitsbelastung. Mehr schwangere Frauen werden auf weniger Kreißsäle verteilt, und zwar bei gleichbleibendem Personalschlüssel. Gut betreut während der Geburt? Hier kann man doch besser von „irgendwie aufgefangen“ sprechen, denn bei fünf Frauen die sich gleichzeitig eine Hebamme teilen ist die Chance gering, mit den  Geburtshelferinnen wirklich in Kontakt zu treten, geschweige denn, sich betreuen zu lassen.
Die Hebammen häufen Überstunden an, arbeiten jeden Tag an ihrer Belastungsgrenze und werden zudem noch schlecht bezahlt. Die chronische Unterversorgung mit weiteren Kolleginnen hinterlässt ihre Spuren in der chronischen Erschöpfung der noch angestellten Hebammen. Auf wessen Schultern das ausgetragen wird ist klar: die gebärenden Frauen, die sich hoffnungsvoll an diese Hochleistungsklinik wenden, weil sie dort Sicherheit vermuten – für sich selbst und ihr ungeborenes Kind.
Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Risikoschwangere, sondern um die Mehrheit der Frauen, nämlich die, die eine normal verlaufende Schwangerschaft haben.
Statt die Probleme an der Wurzel zu packen, trickst Diakoverse und versucht durch den Austausch des kompletten Hebammenteams vom Friederikenstift in das Henriettenstift die gefährliche Situation zu verwässern. Wie lange wird es dauern, bis die Hebammen des Friederikenstifts aufgrund der Rahmenbedingungen im Henriettenstift die Segel streichen werden? Und genauso wichtig ist die Frage: Was macht das mit den schwangeren Frauen, die in einer der beiden Geburtenstationen gebären wollen? Was macht das aus ihren Geburten?

Überlastungsanzeigen wurden offenbar nicht ernst genommen
Arbeitnehmer sind nach § 15 bzw. § 16 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet, ihrem Arbeitgeber eine Überlastung anzuzeigen, wenn daraus eine Gefährdung der eigenen Gesundheit bzw. Sicherheit oder der von anderen Personen ausgehen kann. Das gilt auch für Geburtshilfetätige.

§ 15 Absatz 1: Die Beschäftigten sind verpflichtet, nach ihren Möglichkeiten sowie gemäß der Unterweisung und Weisung des Arbeitgebers für ihre Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit Sorge zu tragen. Entsprechend Satz 1 haben die Beschäftigten auch für die Sicherheit und Gesundheit der Personen Sorge zu tragen, die von ihren Handlungen oder Unterlassungen bei der Arbeit betroffen sind.
16 Absatz 1: Die Beschäftigten haben dem Arbeitgeber oder dem zuständigen Vorgesetzten jede von ihnen festgestellte unmittelbare erhebliche Gefahr für die Sicherheit und Gesundheit […] unverzüglich zu melden.
Quelle: Wikipedia

Und es scheint sie gegeben zu haben, diese Überlastungsanzeigen der Hebammen des Henriettenstifts, lange bevor sich im Juni die Kreißsaaltüren zum ersten Mal schlossen.

Die Hebammen aus Hannover sind nicht die einzigen, die ihrem Arbeitgeber mittels Überlastungsanzeige aufzeigen, dass die Zustände bei der Versorgung der schwangeren Frauen nicht mehr tragbar sind. Diese Anzeigen listen die strukturelle Überbelastung der Kreißsäle samt Konsequenzen für die Gebärenden auf. Sie sind nicht nur ein Hilferuf der Geburtshelferinnen, sondern ein Warnsignal für jede Frau, die sich in diese Kreißsäle begibt. Das Problem ist, dass die „Patientin“, also die gebärende Frau, bei der Wahl ihrer Geburtsklinik nichts davon erfährt. Denn die Überlastungsanzeigen landen auf den Schreibtischen der Klinikleitung. Keiner weiß, in welcher Ablage.

Dieses Beispiel für eine Überlastungsanzeige steht für die katastrophale Situation unzähliger Kreißsäle in Deutschland. Sie stammt nicht aus Hannover, jedoch aus dem Herzen der Geburtshilfe- Made in Germany.


Wie geht es in Hannover weiter?
Während sich die Hebammen verausgaben und Schwangere in Sorge schwelgen, plant Diakovere, seine zwei Geburtsstationen im Henriettenstift und Friederikenstift zu zentralisieren. Ein Neubau soll her: ein Mutter-Kind-Zentrum. Der erste Spatenstich ist jedoch noch nicht absolviert.
Falls Diakovere nicht in der Lage ist, die Qualitätsstandards für Level-1 Geburtenstationen einzuhalten, also pro Kreißsaal-24Stunden für eine Hebamme zu sorgen und eine zweite in Rufbereitschaft zu haben, steht die Level-Zertifizierung des Hauses auf der Kippe.

Randnotizen
Diakovere ist ein christliches Unternehmen. Im Leitbild des Unternehmens liest man Dinge wie: „dem Auftrag der evangelischen Kirche und den Wurzeln unseres Glaubens verpflichtet“. Im Spannungsverhältnis zwischen Diakonie und Wirtschaftlichkeit stelle sich der Krankenhausträger der Verantwortung unserer Zeit. Diakovere orientiere sich an den Bedürfnissen und Anforderungen der Menschen, für die sie und mit denen sie tätig werden und sie handeln auf der Basis „unseres christlichen Glaubens.“

Die KKEL, Katholische Kliniken Emscher-Lippe, ist auch ein christlicher Krankenhausverbund. In dessen Obhut liegt die Gladbecker Geburtshilfe. Sie soll geschlossen werden, denn Gebären rechnet sich für die Katholische Kirche nicht mehr. Gladbeck als Geburtsstandort soll ebenso wegrationalisiert werden, wie die vielen, vielen  andere Geburtenstationen bundesweit in diesem Jahr.

So, und jetzt sage doch noch jemand, alles sei in Butter und Gebären ein Kinderspiel.
Wenn, dann ist es Lotto – denn bei verschwindend geringen Chancen erleben Frauen heute sorgfältig begleitete und liebevoll betreute Geburten in Umgebungen, welche sowohl ihre Würde als auch ihre Gesundheit in den Fokus stellen.

Es grüßt Euch Silke,
von Elternstimme sichereGeburt

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+++Update, 16.Dezember 2016
ab 1.Januar 2017 sind die Kreißsäle im Frederikenstift nachts wieder geöffnet

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+++Update, 23. September 2016
ab 4. Oktober 2016 werden die Kreißsäle im Frederickenstift nachts geschlossen.

Schwangere werden von der Rettungsleitstelle an die verbliebenen Kliniken weitergeleitet, vorrangig an das Henriettenstift
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