Sockengeschichten: Die Einsamkeit der Socken

Es kommt ja häufiger vor, dass Dinge verschwinden. Auch im Kindergarten. Klar, da hängt die Regenhose beim Kumpel in der Garderobe, weil sie im Umziehrausch und während der Rangelei der wilden Kerle irgendwie falsch einsortiert wurde. Ich kann das verstehen. Wer will denn schon während der schönsten Rauferei ständig ermahnt werden, seine Regensachen in sein Fach zu räumen. Also irgendein Garderobenfach auf und rein damit. Manchmal finden wir auch morgens zwei bis drei Einzelschuhe mehr neben dem eigenen Schuhwerk stehen. Auch das kommt vor, weil die Putzfrau nicht wissen kann, welchem Kind die Schuhe gehören, die sie mühselig hinter der Garderobe hervorgeholt hat. Auch das kann ich verstehen. Es macht ja auch einen Riesengaudi Schuhe gezielt auf oder hinter den Garderobenschränken zu versenken und sich dabei gegenseitig in Mut, Wurftechnik und Finesse zu messen. Diese einsamen Schuhe finden spätestens am Folgetag ihren Besitzer und den Partnerschuh wieder. Insgesamt alles entspannt. Es gibt aber auch X-Files, die deutlich kniffliger sind, wie z.B. die Geschichte unserer blauen Stoppersocke.
Sie verschwand vor sieben Monaten- spurlos. Ich habe alle erdenklichen Verstecke abgesucht, auch in den anderen Kitagruppen. Nix.
Diese Stoppersocken wurden geliebt, und zwar abgöttisch. Alles andere war doof: Hausschuhe mit Klettverschluss- da geht der Klett ständig auf, wenn man mit erhöhter Geschwindigkeit über dem Spielteppich schlittert. Hausschuhe zum Reinschlüpfen –   verliert man, wenn man versucht, sich zwischen einem besetzten Stuhl und dem nah angrenzendem Tischbein durchzuwinden. Da bleibt man einfach viel zu oft hängen. Und Anschleichen mit besohlten Füßen geht schon mal gar nicht. Es durften auch keine anderen Stoppersocken sein.
Irgendwie schienen genau diese Stoppersocken so systemrelevant zu sein, dass ich zu Trick 17 greifen musste, und unsere nun sehr einsame Einzelsocke (in blau) mit einer Stoppersocke aus dem Kitabestand (in grün) kombinierte. Mein Kind gab die Hoffnung nicht auf, dass das Verschwinden der Socke einen tieferen Sinn haben musste.

In den Folgemonaten wurde nun stolz das unterschiedliche Sockenpaar getragen. Doch die Frage blieb: Wo ist die zweite Socke?
Während der Sommerferien wurde in der Kita neuer Bodenbelag gelegt, alles musste aus den Gruppenräumen ausgeräumt werden. Die Chance war hoch, die vermisste Socke – insofern sie sich noch in den Kitaräumen befand- wiederzufinden. Erwartungsvoll steuerten wir den ersten Kitatag nach den Ferien an. Aber: immer noch kein Lebenszeichen der Socke.

Heute Morgen fand dich im Garderobenschrank eine blaue Stoppersocke. Gedankenlos packte ich sie ein. Ich ging davon aus, dass das die Einzelsocke wäre, die seit Monaten ihr Singledasein frönte. Die Frage, warum ich denn eine einzelne Socke nach den Sommerferien wieder mit in die Kita genommen habe, stellt ich mir nicht. Es war einfach zu früh am Morgen. Da kann ich noch nicht denken.
Da sagte mein Kind:

EinsamkeitderSocken_aberwehe-w„Mama, hast du die Socke mitgenommen?“
___ „Ja, die habe ich gerade in meine Tasche gesteckt.“  ___

 

„Das ist meine verschwundene Socke, die haben wir gestern wiedergefunden!“
___  „Ach was, wo war die denn? ___

 

„Die lag im Puppenhaus. Kannst du heute Nachmittag die andere Socke auch wieder mitbringen?“
___ „Oh! Im Puppenhaus! Ähm, die andere Socke… Ich bin mir nicht sicher, ob ich die aufgehoben habe.“ ___

 

„Doch, doch! Die liegt bei dir im Schlafzimmer auf der Kommode.“

Ihr müsst wissen, dass mein Kind eigentlich ein Trüffelschweinchen ist. Der findet alles bei uns zu Hause. Er weiß genau, in welchem Schubfach was abgelegt ist. Er weiß genau, wo und vor allem wie viel Schokolade noch da ist. Er hat auch ein besonderes Talent mir nach Wochen aufzutischen, was ich versprochen habe, wenn Fall A oder B eintritt.

___ „OK, na dann werde ich nachher gleich mal die Einsamkeit der Socken beenden und eine Familienzusammenführung arrangieren. Und wo genau hab ihr die Socke noch mal gefunden?“ ___

„Na im Puppenspielhaus. Sie war die ganze Zeit ein Schlafsack. Da lag eine kleine Puppe drin.“

 


 

Wäre diese Geschichte tatsächlich eine Story aus Akte X gewesen, würde sie so enden:

MulderKind: „Mama, wieso fällt es dir immer noch so schwer zu glauben, selbst wenn die Indizien auf außergewöhnliche Phänomene hindeuten?“

ScullyMama: „Weil dich, mein Kleiner,  manchmal die Suche nach extremen Möglichkeiten blind macht für die wahrscheinliche Erklärung, die genau vor dir liegt.

ENDE


 

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