Nicht in meinem Namen

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil:

„Die Angeklagte wird wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. […] Gegen die Angeklagte wird für immer ein Berufsverbot als Ärztin und Hebamme verhängt.
Die Angeklagte wird weiter verurteilt, an die Nebenklägerin Z1 […] einen Betrag von 34.000,- €, sowie an den Nebenkläger Z1 […] einen Betrag von 8.500,- €, jeweils nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 05.09.2012 zu zahlen.
Die Angeklagte wird weiter verurteilt, an die Nebenklägerin Z1 einen Betrag in Höhe 6.894,12 € nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 05.09.2012 zu zahlen.
Die Angeklagte wird weiter verurteilt, an die Nebenklägerin Z1 monatlich, beginnend mit dem 01.08.2012, einen Betrag von 148,80 € zu zahlen.
Die Angeklagte wird verurteilt, an die Nebenkläger außergerichtliche Anwaltskosten in Höhe von 3.097,45 € nebst 5 % Zinsen hieraus seit dem 05.09.2012 zu zahlen.
Es wird festgestellt, dass die Angeklagte verpflichtet ist, den Nebenklägern sämtliche zukünftig entstehenden materiellen Schäden aus der Geburtsbetreuung vom 30.08.2008, soweit die Ansprüche nicht auf Sozialversicherungsträger oder andere Dritte übergegangen sind, zu 85 % zu ersetzen.
Das Urteil ist, soweit es auf Zahlung an die Nebenkläger lautet, jeweils gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 120 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages vorläufig vollstreckbar.
Die Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens einschließlich der Kosten des Adhäsionsverfahrens, die notwendigen Auslagen der Nebenkläger im Straf- und Adhäsionsverfahren und ihre Auslagen im Straf- und Adhäsionsverfahren.“
Quelle: Landgericht Dortmund, Oktober 2014

Anfang Juni 2016 wurde das Urteil rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof hat eine Revision abgelehnt.

Der Tod eines Neugeborenen

„Das Gericht scheint sich von Beginn an sicher, wer der Schuldige in dem Drama ist. Gutachter, die Zweifel an einem schuldhaften Fehlverhalten der Angeklagten äußern, bezeichnet das Gericht als „unziemlich, abwegig, haarsträubend, unglaubwürdig, tendenziös“. Gutachter, die die These stützen, dass das Kind wegen mangelhafter Geburtsbetreuung gestorben ist, werden charakterisiert als „sachlich, fundiert, qualifiziert, zweifelsfrei“. Die Angeklagte wird durchweg dargestellt als „Lügnerin, selbstüberschätzend, ideologisch verblendet, zynisch, gefährlich“. Zeugen und Zeuginnen, die sie als Kolleginnen kennen, bei ihr gelernt haben oder sie als Geburtshelferin schätzen, hätten die Unwahrheit gesagt, „so wie man das sonst nur aus dem Milieu kennt“. Unglaubliche, persönlich abwertende Urteile aus dem Munde eines Richters.“
Quelle: WDR Dokumentation „Tod eines Neugeborenen“

„In der Vorbereitung zur Revision fordern die Verteidiger von der Staatsanwaltschaft die toxikologischen Messprotokolle des Londoner Labors LGC Forensics an, das 2008 im Auftrag der Rechtsmedizin die kindliche Leber untersucht hatte.“
……
Peter Gaidzik (Verteidiger): „Weshalb ich das so interessant fand, war die Tatsache, dass all diese Messprotokolle überhaupt nicht zum Gegenstand der Verhandlung gemacht worden sind, weil man schlicht und ergreifend diese Befunde nicht zur Verfügung gestellt bekommen hat. „
……
Die Protokolle zeigen in der Leber neben dem Konservierungsmittel Benzolkaliumchlorid auch Spuren des Heroinersatzstoffes Methadon sowie verschiedener Psychopharmaka.
……
Peter Gaidzik (Verteidiger): Das muss aufgeklärt werden.
Immerhin gilt im Strafrecht der Grundsatz in dubio pro reo und das wäre dann etwas, was durchaus zugunsten meiner Mandantin hätte Berücksichtigung finden müssen.“
Quelle: Manuskript: Manuskript Radio Feature WDR- eine Hebamme vor Gericht

 


 

Weitere Informationen

Tod eines Neugeborenen – Eine Hebamme vor Gericht WDR Radio Feature vom 12.06.2016
Wenn ein Kind tot auf die Welt kommt, stellen sich für Eltern und Verwandte immer drängende Fragen. Warum ist das Kind gestorben? Haben die Geburtshelfer versagt? Haben wir Fehler gemacht? Wer ist Schuld an dem Verlust? Das fragen sich Eltern automatisch.

Der Fall Anna R.oder: Die Geburt als Risiko? NRD Radio Feature vom 19.06.2006
Totschlag – ein Urteil mit Folgen für den ganzen Berufsstand. Anna R. stellt einen Antrag auf Revision. Das Urteil fällt in eine Zeit, in der immer mehr Hausgeburts-Hebammen wegen steigender Versicherungskosten aufgeben. Es ist fraglich, wie lange Krankenkassen Hausgeburten überhaupt noch bezahlen. Die Geburt – eigentlich ein intimes Erlebnis – ist längst ein Politikum.

Das Gewicht der Gesellschaft – For me and my Child-Blog: Die »Obskurität« mag mit Gretas Geburtsort begonnen haben, einem Hotelzimmer am Rande der Kleinstadt Unna in Nordrhein-Westfalen. In einer Gesellschaft, in der 98 Prozent aller Kinder in Kliniken geboren werden und sich die restlichen 2 Prozent auf Geburtshäuser und private Wohnräume verteilen (aber auch Rettungswagen, Züge und Parkplätze sind darunter), bricht das Hotelzimmer mit gängigen Vorstellungen, obwohl es sich aus geburtshilflicher Sicht nicht von einer Wohnung oder einem Geburtshaus unterscheidet. Das Hotelzimmer war der Ort, den die Eltern von Greta, in Riga lebende Deutsche, für die Geburt ihres Kindes gewählt haben. Sie haben, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2010 geurteilt hat, das Recht, das zu tun.

For me and my Child: German Angst – For me and my Child-Blog: „Über dem Urteil gegen die Ärztin Anna R. liegt kollektives Schweigen. Nachdem Greta C. im Jahr 2008 perinatal verstarb, wurde die Geburtshelferin beschuldigt, für den Tod des Kindes verantwortlich zu sein, und nach vierjähriger Ermittlung sowie einem zweijährigen Strafprozess vor dem Landgericht Dortmund verurteilt. Es ist das erste Mal, dass in Deutschland eine Geburtshelferin auf Totschlag verurteilt wurde. “

Die Plazenta wäre der Beweis: Leserstimmen der Süddeutschen Zeitung


Das tote Kind -eine Hebamme vor Gericht WDR: Fernsehbeitrag 45 Min- rfügbar bis Oktober 2016.

Nacht der Angst – der Film: Spielfilm 1h 30Min


 

3 Kommentare

  1. Baake, Karl H. · · Antworten

    Ich halte dieses Urteil, nebst der Revisionsablehnung durch den BGH, als einen Skandal.
    Ich erkläre auch hiermit, dass das Urteil nicht in meinem Namen gesprochen ist. Für derartige
    zweifelhafte Urteile gebe ich meinen Namen nicht her.
    Es bedarf einer erneuten, gerechten Würdigung des Falles.
    Oder suchte man ein “ Bauernopfer “ ?
    KHB, Sozialarbeiter i.R. mit Schwerpunkt Strafbereich

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  2. Günther · · Antworten

    Die dame tötet ein völlig unschuldiges und wehrloses Kind, es musste vorher wohl noch Höllenqualen erleiden. Und das nur, weil sie ihrem Wahn nachgehen musste, sicher aber auch wirtschaftliche Überlegungen eine rolle spielten.
    Danach ist sie sich auch nicht zu schade, die geschädigten zu manipulieren, ihnen zu drohen und einen Mob an Zeugen gegen die Eltern aufzubringen.

    Hätte das Kind überlebt, wäre es geistig und körperlich behindert auf die Welt gekommen und seine gesetzlichen Vertreter hätten sicher zurecht geklagt.

    Warum wollen Menschen so gerne zurück in die Steinzeit, wo man den Launen der Natur ausgeliefert war? Wie hirnbefreit ist das denn?

    Für mich ist das Urteil zu milde, ich kann nicht fassen, zu welchen Grausamkeiten manche Monster fähig sind.

    Gefällt 1 Person

    1. GNS Presse AG. Karl H.Baake · · Antworten

      Zu dieser Stellungnahme ist partout wirklich nichts zu sagen. Sie strotzt nur so von Haßgefühlen
      und Unkenntnis. Hier ergibt sich nur die Frage, welcher Sekte gehört dieser/diese Kritikschreiber.
      /Kretikschreiberin an ??

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