An dem Produkt ist was kaputt – das ist die Reklamation

„Hebammen leisten einen wesentlichen und unverzichtbaren Beitrag für die medizinische Versorgung Schwangerer, junger Mütter und Familien. Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Hebammenhilfe,einschließlich der Möglichkeit der freien Wahl des Geburtsortes, ist daher von besonderer Bedeutung.“

So, oder so ähnlich klingt es, wenn sich die Lippen (gesundheits-) politischer Akteure bewegen und Töne von sich geben. Im realen Leben dagegen wird Tacheles gesprochen: „Ich habe keine Hebamme gefunden“, „Unser Geburtshaus wurde geschlossen“; „Wir mussten 45 Minuten bis zur nächsten Klinik fahren und wurden da abgewiesen“; „Eine Hausgeburtshebamme gibt es hier schon lange nicht mehr, daher habe ich mich für eine Alleingeburt entschieden“; „Nach der Entlassung aus der Klinik, habe ich keine Hilfe gefunden, ich war allein mit meinen Sorgen und Problemen.“
Diese Aussagen sind schon lange keine „UnterderHand-Informationen“ mehr. Sie sind gesundheitspolitische Reklamationsberichte und prägen täglich die öffentliche Diskussion. Das Produkt „Geburtshilfe“ ist kaputt. Da hilft es nicht, notdürftig Reparaturen zu machen. Obwohl die Zustände der Geburtshilfe so offensichtlich sind, werden sie dennoch politisch runtergespielt und ausgesessen – seit Jahren!

Um die breite Öffentlichkeit inhaltlich zu erreichen, wurden in den vergangenen Jahren von Eltern und Hebammen Petitionen gestartet. Sie thematisierten die Missstände und übten politischen Druck aus. Gemeinsames Ziel: Verbesserung der Versorgungslage von Frauen während Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett.

Petitionen – mit dem Finger in die Wunde

Selbstbestimmungsrecht von Frauen während der Schwangerschaft und der Geburt, Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen, Sicherung der freien Wahl des Geburtsortes – über Petitionsportale, wie z.B. change.org, erreichten diese Aktionen viele Menschen und machten auf Missstände aufmerksam. Eine Petition  schaffte es sogar, dass 2013 folgende Passage in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde:

„Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen im Speziellen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen.“

Demokratische Mitsprache durch Petitionen an den Deutschen Bundestag

Neben Kampagnenplattformen, wie z.B. change.org, gibt es noch eine weitere Möglichkeit, öffentlich den Finger in die Wunde zu legen. Man reicht einfach eine Petition an den Deutschen Bundestag ein.

Dazu kurz eine Erklärung, was unter Petitionen zu verstehen ist und wie sich das Prozedere dazu gestaltet.

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Die Petenten, also die Verfasser*innen der Bittschrift, haben nicht zu befürchten, dass sie in der Folge benachteiligt werden. (sagt Wikipedia) Das einzige was sie zu befürchten haben ist, dass ihre Petition nicht angenommen wird oder nach Anhörung abgelehnt und geschlossen wird. Bis es zu einer Entscheidung kommt, wie mit der eingereichten Petition umgegangen wird, können sehr viele Jahre vergehen.

Unsere parlamentarischen Mühlen mahlen so langsam, dass sich die Zustände, die mit der öffentlichen Petition angeprangert werden, sich weiter verschlechtern und nahezu unaufhaltsam gegen die Wand fahren. Die Situation der Geburtsbetreuung für Frauen ist so ein Zustand. 2010 wurden die ersten zwei elektronischen Bundestagspetitionen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Hebammen und zur wohnortnahen Versorgung von schwangeren Frauen im Petitionsausschuss eingereicht, vier Jahre später die nächsten zwei.

Was hat sich seither an der Versorgungs- und Betreuungslage von jungen Familien während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett verändert? Ich sag es euch: Nichts! Es gibt noch weniger Hebammen und die Wahlfreiheit in Bezug auf den Geburtsort ist deutlich eingeschränkter als in den Jahren zuvor.

Hebammenbettlerinnen in Deutschland – ein Ausflug in die Realität

Was wir erleben, ist eine Irreführung der Öffentlichkeit. Mit politischen (und unausgereiften) Maßnahmen und kommunikativen Feldzügen, welche die reale Betreuungslage für Frauen und Familien runterspielen wird versucht, uns, also den Mob, der lauthals aufschreit, zu beruhigen. Denn die realen Zustände rund um die Geburtshilfe sprechen eine andere Sprache.
Die Versorgung und die Fürsorge Gebärender in Kliniken sind nicht nur suboptimal, sondern meistens katastrophal. Die freie Wahl des Geburtsortes, egal ob in der Klinik geboren werden soll, zu Hause oder im Geburtshaus, ist flächendeckend eben nicht mehr vorhanden. Die Zahl der Hebammen, welche die Frauen während der Geburt begleiten könnten, hat sich drastisch verringert. Hebammen, die eine Wochenbettbetreuung anbieten oder eine Schwangerschaftsvorsorge, werden auch immer weniger. Die Zahl der Gebärenden steigt seit vielen Jahren, die Anzahl der Geburtskliniken sinkt. In gar nicht allzu langer Zeit, wird kaum noch eine(r) wissen, was eine hebammenbetreute Schwangerschaft und Geburt bedeutet. Dann sind die Zustände, die wir heute so massiv bemängeln, normal.

Noch tätige festangestellte Hebammen arbeiten oftmals in Teilzeit, z. B. weil sie dem Stress ihrer Arbeitsumgebung (Klinik) umgehen wollen und müssen. Denn wer hält sowas schon jahrelang aus? Andere arbeiten in Teilzeit, weil sie selbst Kinder haben und Mütter sind. Ein Teil der Hebammen konzentriert sich nur noch auf ein Angebot an Vorbereitungskursen oder legt den Fokus auf die Familienhebammerei. Das klassische Tätigkeitsfeld einer Hebamme, also die Betreuung der Schwangeren in der Schwangerschaft, die Begleitung bei der Geburt und die Versorgung auch über die Wochenbettzeit hinaus, ist in viele kleine Teilchen zersplittert.

Frauen, die eine Bezugshebamme suchen, also EINE Hebammen, die sie die ganze Zeit begleitet (Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett), haben es besonders schwer, vor allem die Frauen, die in einer Klinik gebären möchten. Denn dazu benötigen sie eine freiberufliche Beleghebamme. (Bitte nicht verwechseln mit Hebammen im Schichtsystem. Das sind zwar auch Freiberuflerinnen, sie arbeiten jedoch in Rahmenbedingungen wie eine festangestellte Hebamme – im Schichtsystem eben, in der Regel 8 Stunden am Tag ohne Pausen zzgl. Überstunden) Die Beleghebammen die ich meine, arbeiten nicht in der Klinik. Sie begleiten die Frauen jedoch für die Geburt in den Kreißsaal und übernehmen dort die Betreuung der Mutter und des Neugeborenen für die ersten Stunden nach der Geburt. Es gibt nur noch sehr wenige Beleghebammen, denn es bedarf für solch eine Geburtsbetreuung eines Vertrags mit der Klinik. Nicht jede freiberufliche Hebamme kann Frauen in den Kreißsaal begleiten. Es ist also guter Wille oder Notfallplan einer Klinik, ob Frauen mit vertrauten Geburtshelferinnen gebären oder mit ihnen unbekannten Menschen.

Für Frauen, die zu Hause oder im Geburtshaus gebären möchten, stehen die Chancen höher eine Bezugshebamme zu finden. Oft bieten Geburtshaushebammen auch Hausgeburten an. Klassische Hausgeburtshebammen sind jedoch rar.

Frauen, die nur eine Wochenbettbetreuung suchen oder Frauen, die vielleicht nur die Vorsorge bei einer Hebamme machen wollen, haben vielleicht noch Chancen. Jedoch nur, wenn sie sich bereits zu Beginn der Schwangerschaft auf die Suche machen. Eine Hebamme mit freiem Betreuungskontingent gefunden zu haben, heißt jedoch nicht, dass der Deckel auch auf dem Topf passt. Und wenn man emotional nicht zueinanderfindet, beginnt die Suche von vorn.

Fein raus scheinen die zu sein, die auf Hebammen komplett verzichten. Sie fügen sich und werden zu Patientinnen, gehen daher zu gynäkologischen Fachkräften um ihre Vorsorge zu machen, sie gehen zum Gebären in die Klinik, weil dort auch Ärzte und Ärztinnen arbeiten. Und wenn sie dann im Wochenbett sind und um zig Erfahrungen reicher, fragen sie sich, warum sie eigentlich nie darüber nachgedacht haben, ihre Schwangerschaft und Geburt von einer Hebammen begleiten zu lassen, denn sie waren doch nicht krank, sondern nur schwanger. Und sie fragen sich, warum niemand an ihrer Seite war, als sie begannen, neues Leben auf diese Welt zu bringen. Sie fragen sich, warum sie drei Tage nach Geburt aus der Klinik entlassen wurden und keine Hilfe für sich und ihr Kind bekommen haben.

Diese Zustände prägen unseren Alltag. Damit das nicht so bleibt, wurden in den vergangenen Jahren sowohl von engagierten Eltern, als auch von den Hebammen selbst, viele Aktionen veranstaltet, um auf diese Missstände hinzuweisen und Lösungsvorschläge erarbeitet, um Abhilfe zu schaffen. Ein Mittel der Wahl waren und sind u.a. Bittschriften.(Petitionen)

Petitionen sind die Reklamationsberichte an das geburtshilfliche Gewissen gesundheitspolitischer Akteure, die Fehlermeldungen an das Gesundheitssystem – irgendwo in der Matrix des Alltags der Geburtsarbeiterinnen.

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Und so, wie diese politischen Beschwerden in der Bearbeitungswarteschlange hängen, sitzen die Hebammenbettlerinnen (Frauen und Geburtshelferinnen) mit deutlich spürbarem Frustrationshintergrund im Wartesaal. Sie warten darauf, mit ihren Bittschriften politische Fehlentscheidungen zu korrigieren.

Bittschriften in der Warteschlange

Die Bundesregierung fragte sich 2010, ob öffentliche Petitionen die Demokratie verändert haben. In einem Gutachten dazu heißt es:

„Ziel [von E-Petitionen an den Deutschen Bundestag] war es, die Menschen noch stärker an der politischen Willensbildung zu beteiligen und sie in das parlamentarische Geschehen einzubinden. Indem die Bürgerinnen und Bürger Petitionen nun im Internet veröffentlichen, mitzeichnen und darüber diskutieren können, soll eine größere Transparenz und Publizität des Petitionsverfahrens erreicht und der Mitwirkungsgedanke in den Vordergrund gerückt werden. Jedermann soll die Möglichkeit haben, im Wege der öffentlichen Petition am parlamentarischen Geschehen teilzuhaben und unter Einsatz des Internets demokratische Prozesse zu fördern.“

Stärkere Beteiligung an der politischen Willensbildung…, größere Transparenz und Publizität des Petitionsverfahrens…., der Mitwirkungsgedanke sollte in den Vordergrund gerückt werden…

Ja, ihr lest richtig. Der GEDANKE sollte in den Vordergrund. Der Fokus liegt auf dem Gedanken, politisch mitgewirkt zu haben. Es sollte der Bevölkerung das GEFÜHL gegeben werden, gehört zu werden und etwas ändern zu können. Als Ziel für Petitionen an den Bundestag wurde gar nicht eingeräumt, dass damit ein VolksWILLE zum Ausdruck kommt, der danach schreit, von den Gewählten zügig umgesetzt zu werden.

Mittlerweile sind unsere Politiker auch schon geübt im Umgang mit Petitionen. Sie sind grundimmunisiert. Die parlamentarischen Sanduhren leisten großartige Arbeit, denn es kann Jahre dauern, bis eine Petition abschließend beraten wird. Ja, und falls sie angenommen wird, kommt dann ja noch die Umsetzungsphase. Zeit genug, ein ganzes Berufsfeld in den Abgrund zu befördern. ABER: Die Betroffenen, die schwangeren Frauen und die jungen Familien, die haben keine Zeit. Da ist jedes Sandkörnchen, das durch die parlamentarischen Uhren rinnt, eine Stunde Überlebenskampf.

Seit der Einführung von E-Petitionen an den Deutschen Bundestag 2008, wurden insgesamt vier Petitionen zu den Themen Hebammenbegleitung, Hebammenvergütung, freie Wahl des Geburtsortes und Selbstbestimmungsrecht der Frauen gestellt. Diese könnt ihr hier zusammenfassend nachlesen.

In der Kurzfassung – die Ergebnisse:

* Petition 1 – 2010: abgelehnt | Bearbeitungszeit: 3 Jahre und 9 Monate
* Petition 2 – 2010: Petition wird als „Material“ weitergegeben | Petitionsverfahren wird
geschlossen | Bearbeitungszeit: 3 Jahre und 8 Monate
* Petition 3 – 2014:  abgelehnt | Bearbeitungszeit: 1 Jahr und 9 Monate
* aktuelle Petition 4 – 2014: öffentliche Anhörung am 20. Juni 2016 | Bearbeitungszeit: ?
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Zu den vier Bundestagspetitionen kamen noch drei öffentliche Petitionen über Kampagnenplattformen hinzu. (mal ganz abgesehen von der Vielzahl an Petitionen, die aufgrund von Schließungen von Geburtenstationen in Kliniken initiiert wurden.) ______________________________________________________________
2013: Menschenwürde ist kein Ehrenamt – Hebammen brauchen höhere Vergütungen
2013: Lieber Herr Gröhe, retten Sie unsere Hebammen!
2015: Geburt darf keine Privatleistung werden. Übernahme der Kosten für Hebammen  unabhängig vom Geburtsort und Geburtstermin sichern!
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Gesamtergebnis
1 182 095 Reklamationsunterschriften

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Über eine Million Menschen, die sich für sichere Geburtshilfe aussprechen und durch ihre Unterschrift die Mängel im geburtshilflichen System zum Ausdruck bringen.

Lasst uns an dieser Stelle gemeinsam klicken- ähm, ich meine singen!


Stand up, stand up and save your birth, your needs, your child comes first

Am 20. Juni 2016 ist es nun soweit. Die Elternpetition „Sicherstellung der freien Wahl des Geburtsortes sowie einer Geburtsbegleitung im Schlüssel von 1:1 vom 25.03.2014“ wird öffentlich beraten und die Petentin Michaela Skott wird öffentlich angehört. Es ist die erste Petition in der Wartereihe der Bittschriften an den Deutschen Bundestag, die von Eltern selbst initiiert wurde. Hier sprechen die Geburtsarbeiterinnen  und Fehlentscheidungserträgerinnen selbst.

Worum geht es bei dieser Petition?
Es geht um die Verankerung des Rechts der Frauen auf eine selbstbestimmte Geburt mit freier Wahl des Geburtsortes sowie einer Geburtsbegleitung im Schlüssel von 1:1 durch eine Bezugshebamme im  Grundrecht. Dazu gehört neben der Sicherung des Berufsstandes der Hebammen auch die Neuordnung des Vergütungssystems in der Geburtshilfe.

Warum ist das so wichtig?
Michaela Skott, die Petentin, sagt dazu: „Viele – auch in der Politik denken – Hermann Gröhe hätte das „Problem“ mit den Hebammen gelöst. Dass dies nicht der Fall ist, erfahren Frauen deutschlandweit jeden Tag. Ganz davon ab geht es in dieser Petition gar nicht zuerst um die Hebammen. Es geht um uns Frauen, die Kinder, die Väter und unsere Grundrechte. Das Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes IST NICHT GESETZ. Die Regelung im SGB V regelt lediglich Ansprüche versicherter Personen. Genau deshalb werden wir Eltern an allen Entscheidungen nicht beteiligt und können auch nicht selbst klagen. Ich will, dass sich das ändert.“
Am 20 Juni wird das Parlamentsfernsehen glühen, denn überall in Deutschland werden sich Frauen die Debatte ansehen und sich ein Bild davon machen, wie demokratische Mitwirkung wirklich aussieht. Nach den gescheiterten Diskussionen am 12. Mai 2016 im Bundestag, die ich inhaltlich immer noch für unverschämt halte, ist die (meine) Erwartung an die Anhörung im Petitionsausschuss groß.

Der Petentin der Elternpetition danke ich für ihr Durchhaltevermögen und sende ihr vorab viel Kraft. Michaela, ich wünsche dir am 20. Juni einen klaren Kopf und möchte die Haare auf deinen Zähnen sehen! 😉

kollegiale Grüße,
Elternstimme sichere Geburt

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Das Video zur Ausschussitzung findet ihr hier:
http://dbtg.tv/cvid/6918867

Die Eingangsrede der Petentin könnt ihr hier nachlesen:
Petition zur selbstbestimmten Geburt

2 Kommentare

  1. […] Wer mehr dazu lesen will, schaut mal in Silkes Blog „Aberwehe!“ vorbei, sie hat das Thema mal wieder wunderbar auf den Punkt gebracht: bitte hier entlang. […]

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  2. […] Wer mehr dazu lesen will, schaut mal in Silkes Blog „Aberwehe!“ vorbei, sie hat das Thema mal wieder wunderbar auf den Punkt gebracht. […]

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