Mama ist nicht schuld

„Mama ist nicht schuld“ – diese Überschrift wählte die taz für ihren Artikel über gestiegene Kaiserschnittraten in Deutschland.
Dieser Artikel greift die gängigsten Thesen über die Ursachen der hohen Anzahl an Kaiserschnittgeburten in Deutschland auf und setzt die Forschungsergebnisse von Petra Kolip, Professorin für Gesundheitsförderung an der Universität Bielefeld, entgegen. Es ist ein sehr lesenswerter Beitrag. Aber diese Überschrift – die stört mich.

Die Schuldfrage
Ist es nicht genau diese Frage nach der Schuld, die Suche nach einem Verantwortlichen, die die Haftpflichtkosten der geburtshilflich tätigen Ärzte und Hebammen in den letzten Jahren exorbitant hat steigen lassen? Die Klagebereitschaft der Eltern ist enorm gestiegen. Von tatsächlichen Behandlungsfehlern über „Eltern verklagen Klinik. Kind hat Trisomie 21″ bis hin zu „Mein Kind hat das Abitur nicht geschafft – das muss was mit den Umständen seiner Geburt zu tun haben“, ist alles dabei. Es beschäftigt Gerichte und Krankenkassen gleichermaßen, denn die Schuldfrage führt zu Regressforderungen, die dann wiederum dazu führen, jemanden zu suchen, der diese begleicht. Das Klageverhalten der Eltern, Versicherungen und Krankenkassen führt zu Angst bei allen Beteiligten. Selbstverständlich sind Klagen gegen „Kunstfehler“ in der Geburtshilfe berechtigt. Oft führen diese Klagen jedoch nicht zur Behebung des eigentlichen Problems, nämlich den Rahmenbedingungen, unter denen die Geburt verlief, sondern zur Identifizierung eines Sündenbocks. Das schwächste Glied in der Kette trifft es dann meistens. Für die Betroffenen gibt nach Urteilsverkündung zumindest monetär Unterstützung, auch wenn nicht immer ausreichend.
Es gibt auch Kinder, die sterben ohne dass ein Verschulden von jemandem vorlag. Auch hier wird geklagt, denn einen Schuldigen muss es ja zwangsläufig geben. Anders geht es gar nicht. So ist unsere Gesellschaft – so sind wir. Denn wir sind nicht bereit, weder eine Mitverantwortung, geschweige denn die volle Verantwortung zu übernehmen. Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und durch alle Begebenheiten – vom Büroalltag bis zur Geburt.
Wurden auch schon mal Eltern, bzw. Mütter verklagt?
Mütter zum Beispiel, die im Crystal Meth- Rausch die Kreißsaaltür öffneten?

Verantwortung abgeben – Schuld von Anfang an delegieren
Nun sind die Mütter/Eltern ja nicht schuld an der hohen Kaiserschnittrate. Dabei sind ein Grund für den Anstieg der operativen Geburten die Wunschkaiserschnitte. Hier sollte dringend unterschieden werden ob eine Frau von vornherein einen Kaiserschnitt als Geburtsmodus ausgewählt hat, oder ob eine Frau sich unter der Geburt dafür entschieden hat, ihr Kind auf dem OP Tisch auf die Welt zu bringen. Hier schließt sich eine weitere Frage an: Wie viele Frauen haben sich tatsächlich selbst dafür entschieden, und wie viele Frauen wurden zu dieser Entscheidung gebracht? Wer hat die Entscheidung getroffen? Und warum wurde diese Entscheidung getroffen? Lag es daran, dass der Kreißsaal überfüllt war? Lag es daran, dass der Gynäkologe oder die Gynäkologin Termindruck hatte, weil der Tennisclub bereits wartete? Oder war der Grund für die Schnittentbindung, dass die Geburtshelfer Angst hatten, später verklagt zu werden? Lag es daran, dass die Mutter oder die Eltern einen Urlaub geplant hatten, bei dem die Geburt dazwischen kam? Lag es daran, dass die Frau einfach keinen Bock mehr hatte ihr Kind zu gebären oder daran, dass ihr keiner gesagt hat, dass sie es eigentlich kann?
Es gibt hier keine Daten, keiner weiß, wie viele Wunschkaiserschnitte welcher Motivation entsprangen.

„Es ist schwer zu ermitteln, wie viele Frauen die Entscheidung alleine getroffen haben und nicht beeinflusst waren durch einen Arzt, der vor oder während der Geburt gesagt hat, ein Kaiserschnitt könnte besser sein. Wie viele werdende Eltern widersetzen sich dem ärztlichen Rat, wenn sie glauben, damit die Gesundheit ihres Kindes zu gefährden? In einer Umfrage unter 1.500 Frauen für Kolips Studie gaben nur zwei Prozent an, dass sie selbst sich den Geburtsmodus ausgesucht hätten.“

Zwei Prozent der Frauen in der Studie haben sich also bewusst für einen Geburtsmodus entschieden. Und die anderen 98 Prozent?
Haben sie sich die Entscheidung abnehmen lassen und damit auch die Verantwortung abgegeben, die sie für sich selbst und ihr Kind haben? Wenn dem so ist, dann haben sie keine Schuld, denn der Schuldfrage gehen sie mit der Delegation ihrer Verantwortung aus dem Weg.

Vielleicht ist die größtmögliche Verantwortung die wir haben, auf unser Bauchgefühl zu hören. Auch wenn es unpopulär ist und diese Verantwortung uns zu Außenseitern macht.
Wir machen uns schuldig, wenn wir es nicht tun.

 

 


Das Bremer Bündnis für natürliche Geburt hat Empfehlungen herausgegeben, die sich an Geburtshelfer, Gynäkologen und Hebammen richten. Und an die Frauen- wenn sie denn informiert werden wollen.


 

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