Geburtsarbeiterinnen

Über zu wenig Arbeit kann sich wohl kaum jemand beklagen. Ich rede hier nicht nur von Erwerbsarbeit, sondern auch von der alltäglichen Arbeit im Haus. Dazu zählt Arbeit, welche Behördenkram, Versicherungen und Kindergeburtstage verursachen. Ich rede von Beziehungsarbeit, Arbeit durch soziales Engagement, Denkarbeit und auch von Geburtsarbeit. Ja, richtig. Gebären ist auch Arbeit. Auch die Schwangerschaft ist harte, körperliche Arbeit für Mutter und Kind. Die Zeit nach der Geburt erst recht. Mit den noch folgenden Gedenktagen in diesem Monat, dem Vatertag, dem Hebammentag und dem Muttertag, sollen diejenigen unter uns Anerkennung finden, die sich für die Sache mit dem Fortbestand der Gesellschaft berufen fühlen.

Der 1. Mai läutet heute die Kette der Gedenktage ein. Geschichtlich und international gesehen, ist er auch der „Kampftag der Arbeiterbewegung“. Selbst in Malaysia wird er als Tag der Arbeit gefeiert. Die Welt verknüpft mit diesem Datum die Schaffens- und Willenskraft der Menschen. Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist das Wort Arbeit im Feiertagskontext nicht zu finden. Hier trägt der 1.Mai einen gaaanz langen Namen.
„Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“Da sag ich spontan mal: „Wow!“,

An einem Tag, an dem Schaffens- und Willenskraft der Menschen gewürdigt wird, darf ich ganz speziell auch die Geburtsarbeiterinnen würdigen – diese kraftvollen, schöpferischen und schönen Kreaturen unseres Planeten. Sie gebären Kinder und schenken unserer Gesellschaft deren Fortbestand. Das ist natürlich nur ein Auszug aus dem wunderbaren Repertoire weiblicher Fähigkeiten und keine Kampfansage. Ich überlege, wie sich die nordrheinwestfälischen Bekenntnisse des heutigen Tages in den gesundheitspolitischen Kampf der Elternprotestbewegung für sichere Geburten und eine würdige Geburtskultur einbinden lassen.

Das Bekenntnis zu Freiheit
Freiheit bedeutet u.a. für mich, wählen zu können, mich für etwas oder gegen etwas zu entscheiden. Im Moment ist das für viele schwangere Frauen bereits eine antiquierte Vorstellung. Unsere Freiheit bei der Wahl des Geburtsortes kippt massiv und unaufhaltsam. Es gibt sie vielerorts schon gar nicht mehr, frau kennt sie nur noch aus Erzählungen. Der Zustand, zwischen Hausgeburt, Geburtshaus und Klinik wählen zu können, ist politisch wegradiert worden. Überall in unserem Land werden Gebärkliniken geschlossen. Das hat fatale Folgen. Frauen können nicht mehr zwischen unterschiedlichen Kliniken wählen, sondern müssen die Klinik nehmen, die nach der Rationalisierung übrig geblieben ist. Wenn sie Pech haben, und das haben sie sehr oft, fahren sie zu diesen Kliniken mehr als 30 Minuten – ohne zu wissen, ob diese Klinik sie aufnehmen kann und will. Sind die Kreißsäle voll und hat frau keine muttermundwirksamen Wehen, wird sie in der Regel wieder weggeschickt. Dann fährt sie die ganze Strecke zurück, um zwei Stunden später w i e d e r im Auto zu sitzen. (das ist alles andere als angenehm, mit Wehen im Auto zu sitzen) Vielleicht darf sie beim zweiten Anlauf in die Klinik rein, vielleicht!
Und diese Klinikschließungen wirken sich auch auf die anderen Geburtsorte aus. Ist ein Krankenhaus nicht innerhalb von 20-30 Minuten erreichbar, werden auch keine Geburtshäuser und keine Hausgeburtshebammen mehr für selbstbestimmte und interventionsarme Geburten bereitstehen. Hausgeburten werden systematisch ausgebremst. Die ET+3 Regelung mit ihren Zwangsuntersuchungen und attestierten Wohlwollensbekundungen trägt dazu ihr übriges bei. Keine Hausgeburtshebamme und kein Geburtshaus begleiten Geburten, wenn die nächste Klinik mehr als 30 PKW Minuten entfernt ist. Das hat letztendlich versicherungstechnische Gründe.
Das Kuriose daran ist: von den Frauen wird genau das erwartet. Für Frauen soll es selbstverständlich sein, zwischen 30-60 Minuten im PKW zur nächsten Klinik zu fahren. Völlig egal, wie es den Frauen damit geht, mit Wehen im Auto zu sitzen und unabhängig von den möglichen Folgen dieser Quälerei.
Wieviel Freiheit dürfen schwangere Frauen also im Gebärabschnitt ihres Lebens erwarten? Oder geht es nur noch um die Freiheit, den politischen Rotstift auf der Landkarte der geburtshilflichen Versorgung anzusetzen? Geht es immer nur um die Freiheit der anderen?

Das Bekenntnis zu Frieden
Es gibt ja ´ne Menge unterschiedlicher Weibsvölker bei uns. Große, kleine, mit Kopftuch und ohne, stille, aufmüpfige, helle und dunkle, feminine und maskuline. Sobald sie zur Mutter werden, also zu Beginn der Schwangerschaft, vereint sie ein Gedanke: Sie möchten das Bestmögliche für sich und ihr Kind.
Das Bestmögliche für Mutter und Kind wollen auch Ärzte und Hebammen. Sie verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze und bedienen sich unterschiedlicher Methoden. Gegensätzlicher geht es oft nicht. Jahrhundertelang prallen die Ideologien aufeinander. Und auch wenn es immer wieder zarte Pflänzchen der Zusammenarbeit und der Verständigung gibt – eine große Blumenwiese habe ich noch nicht gesehen.
Da, wo geballte Meinungspakete aufeinanderprallen entsteht Reibung. Durch Reibung entsteht Hitze oder sogar Feuer. An genau dieser Schnittstelle stehen die werdenden Mütter aller Couleur. Sie fragen sich innerhalb der Kampfzonen umso mehr, was denn nun genau das Beste für sie und ihr Kind ist. Antworten bekommen sie nicht. Aber sie spüren die Reibungshitze am eigenen Leib. Was also tun, wenn es brennt?
Die meisten gehen in Deckung und übernehmen die eine oder die andere angeordnete Sichtweise, hinterfragen sie nicht, sondern ertragen sie nur. Sie geben ihre Verantwortung für sich und ihr Kind einfach ab, obwohl sie alle Antworten auf ihre Fragen in sich selbst finden könnten, wenn sie das wollen. In Friedenszeiten würden Frauen schneller ihre Mitte finden und ihrer Intuition folgen können. In Friedenszeiten ist kein Druck, kein Machtkampf. Auf den vorhandenen Kriegsschauplätzen zwischen Gynäkologen, Perinatalmedizinern, Hebammen und Krankenkassen, zwischen unzähligen Studien, Merkblättern und Google, ist das Finden von Antworten zu einer Herausforderung geworden, der wenige Frauen gewachsen sind. Liebe Frauen, wartet nicht, bis jemand kommt, der Frieden und Ruhe in eure Gedanken und Entscheidungen bringt. Fangt in euch selbst an, nach Antworten zu suchen. Das gelingt euch, indem ihr euch mit euch selbst versöhnt, euch anerkennt und wertschätzt. Eure Kraft, eure Ausdauer und eure Heilungskräfte – macht sie euch bewusst!
Ihr SEID – zu jedem Zeitpunkt. Das kann euch keiner nehmen.

Das Bekenntnis zu sozialer Gerechtigkeit
Soziale Gerechtigkeit gibt es nicht. Es ist eine Vision, eine Idee, die wir vielleicht nie umsetzen werden. Dazu ist unsere Gesellschaft zu sehr beim Ich, anstatt beim WIR. Eigeninteresse geht vor Gemeinwohl. „Toll, ein anderer macht’s“, anstatt: „Ich packe mit an“. Auch hier wird Verantwortung immer wieder abgegeben. Uns kommt keiner retten und serviert damit Gerechtigkeit auf dem Silbertablett. Da können wir warten bis wir schwarz werden.
Um die letzten Fünkchen von Idealismus im Honigtopf zu versenken, brauchen wir uns gar nicht intensiv auf die Suche zu begeben. Es kommen ja täglich Meldungen, die uns auffordern, die Vision von sozialer Gerechtigkeit aufzugeben: Die neue Reform zum Beispiel, die finanzielle Kürzungen für Alleinerziehende vorsieht, oder die täglich Ertrinkenden, die auf dem Weg zu uns waren, um Schutz zu suchen und die wir nicht schützen.
Soziale Gerechtigkeit in der Geburtshilfe gibt es auch nicht, denn sonst hätten alle Frauen die gleiche Möglichkeit, sich für oder gegen einen Geburtsort zu entscheiden. Sie wären nicht gezwungen, das zu nehmen, was gerade noch übrig ist. Sie könnten sich zwischen unterschiedlichen Betreuungsmodellen entscheiden und frei wählen, von wem, wie lange und wie sie während der Schwangerschaft und der Geburt umsorgt werden wollen. Frauen könnten auch auf ein Angebot von kostenfrei zur Verfügung stehenden Dienstleistungen in der Zeit des Wochenbettes und darüber hinaus zugreifen. Das ist alles so nicht in der Realität vorzufinden. So hat heute die Frau Glück, die noch eine Hebamme gefunden hat, gleich um die Ecke einer Klinik wohnt oder hohe Rufkostenpauschalen für Hebammen aus eigener Tasche finanzieren kann. Auch die hat Glück, die sich eine Haushaltshilfe oder eine andere individuelle Unterstützung selbst leisten kann, also nicht auf das Wohlwollen der Krankenkasse angewiesen ist.
Versorgung während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett hat nichts mit sozialer Gerechtigkeit zu tun, sondern ist Glückssache und eine Frage des Geldbeutels. Soziale Gerechtigkeit- eine wohlklingende Worthülse.

Das Bekenntnis zu Völkerversöhnung.
Dass das Thema Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett kein Friede-Freude-Eierkuchenthema ist, wissen wir ja alle. Wenn ich Diskussionen über natürliche Geburt und Kaiserschnitt, über Gewalt in der Geburtshilfe und Diskussionen über Stillen und Nichtstillen verfolge, über Beikost, Schlafverhalten, Erziehungs- und Beziehungsmethoden bei Kindern und Vollzeit, Teilzeit oder gar keine Mutterschaft – da schwirrt mir echt der Kopf. Hochemotional werden diese Diskussionen geführt, episch
und voller Frustration.
Der Punkt, an dem wir alle mal gedanklich ankommen werden: Es gibt nicht die eine Antwort, die eine Lösung. Es gibt nicht mal den goldenen Mittelweg. Was es gibt, sind jeweils individuelle, an den persönlichen Alltag angepasste, kleine Brötchen, die jede(r) einzelne von uns backen muss. Das Rezept dazu kreieren wir selbst, und zwar jeden Tag neu. Damit das gelingt, braucht es Versöhnung an allen Diskussionsfronten. Sich Austauschen – ja, gern und immer wieder! Aber bitte: so sachlich wie möglich und nicht immer so ich-bezogen. Wir sind alle der Mittelpunkt der Welt, nur eben nebeneinander und nicht freistehend. Wer sich nicht aufs Brötchenbacken konzentrieren kann, weil sie oder er ständig abgelenkt wird und sich verteidigen muss, der wird Hunger leiden.
Keep Calm. Völkerversöhnung fängt bei jedem einzelnen an, und ich wünsche mir, dass besonders die Weibsvölker enger zusammenrutschen und sich umarmen.

Das Bekenntnis zu Menschenwürde
Unantastbar soll die Würde des Menschen sein. Das ist sie aber nicht. Sie wird jeden Tag betatscht. Manchmal bekommen wir es gar nicht so schnell mit, was da eigentlich passiert. In der Geburtshilfe müssen die gleichen Rechte für Mutter und (ungeborenes) Kind gelten, wie für jeden anderen Menschen auch. Wenn ich mitbekomme, wie schon allein der Umgang mit Gebärenden und ihren Kindern ist. Unnötige Dammschnitte, Einschränkung der Bewegungsfreiheit unter der Geburt, gewaltsame Eingriffe in den Geburtsverlauf, Medikalisierung der Gebärenden zu wirtschaftlichen Zwecken, psychischen Drohungen und Einschüchterungen – so bleibt Menschenwürde ein Lippenbekenntnis. Gleiches gilt auch für menschenwürdige Arbeitsumgebungen, Bezahlungen und andere berufliche Gefüge.
Die unantastbare Menschenwürde – „Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das mit der Kreatur, damit hat’s doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist, darüber sind die Akten noch nicht geschlossen. Glaube mir, […], das ist […] ein weites Feld.“ (aus „Effie Briest“ von Theodor Fontane)

Was bleibt mir also heute, am Tag der Arbeit, am internationalen Kampf- und Feiertag, dem Tag der Bekenntnisse zu Freiheit, Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde?
Ich ziehe mir jetzt mein Lieblingsshirt an, auf dem meine Kinder geschlafen haben, als sie klein waren. Das T-Shirt, das so oft von Muttermilch und Schweiß durchtränkt war. Dann lege ich meine Füße hoch und genieße meinen Tag der Arbeit.

solidarische Grüße,
Eure Elternstimme sichere Geburt

TagderARBEIT-aberwehe2

 


 

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