Aus die Maus

Hach ja, da waren sie wieder diese Schlagzeilen: „Rekordjahr auf Geburtenstation XY“; „So viele Babys wie noch nie im Krankenhaus XY“; „Babyboom in 2015 – die Klinik freut sich über die 3000. Geburt“.

So oder so ähnlich liefen sich die Headlines der Berichte zwischen Dezember 2015 und Januar 2016 gegenseitig den Rang ab. Doch was ist passiert? Wollen Frauen noch die letzten Chancen nutzen, um noch mit Hebamme zu gebären, oder gab es Anfang des Jahres 2015 eine mentale Trendwende bei den Reproduktionsmaschinen unserer Gesellschaft?

Rekorde am Fließband! Wir sind die Besten

Die Geburtenrekorde der einzelnen Kliniken im Jahr 2015 konnten in dieser Höhe nur erzielt werden, weil sich die Anzahl der Geburtskliniken drastisch verringert hat. Seit Jahren schließen Kreißsäle und Geburtshäuser – besonders auf dem Land. Dieser unfreiwillige Geburtentourismus beschert den verbliebenen Kliniken diesen Boom. Infolgedessen rüsten diese ihre Kreißsäle auf. Anbau, Neubau und Farbtherapie lauten die Antworten. Die Kreißsäle werden zu Wellness-Oasen umgestaltet und sollen nicht nur dem Mehr an gebärenden Frauen gerecht werden, sondern auch weitere werdende Mütter anlocken. Wellness-Geburten – wer will das nicht?
Symptomatisch wird also herumgedoktert und die Marketingmaschinerie läuft auf Hochtouren. Um den ganzen Lifestylebestrebungen Sicherheitsbedürfnissen zusätzlich Rechnung zu tragen, werden auch schon mal die Hightech Geburten geteasert, die wir in Zukunft flächendeckend erwarten. Zentrale Sensorüberwachung, permanente Verkabelung, etc. – alles, bloß keine persönliche und individuelle Betreuung. Denn dafür gibt es ja nicht genügend Hebammen. Wenn das mal keine bleibenden Geburtserlebnisse werden!
Dialoge der zukünftigen Gegenwart könnten dann so aussehen:

„Wie war denn deine Geburt?“; „Och, ganz ok. Ich lag wie ein Käfer auf dem Rücken, umgeben von Schläuchen und Kabeln, begleitet durch ständiges Piepen von Geräten. Ab und zu kam jemand rein, den ich nicht kannte. Sie haben dann auf die Geräte geschaut und sind wieder gegangen. Und dann halt der normale Ablauf: Einleitung, PDA und Schnitt- fertig.“

Bedürfnisorientierte Geburtshilfe statt Geburten am Fließband: Science Fiction?
Versteht mich nicht falsch: GeburtsMEDIZIN ist bei Erkrankungen notwendig und lebensrettend; jedoch ist GeburtsHILFE das, was der Großteil der Frauen tatsächlich benötigt. Zeit zum Gebären, Privatsphäre, individuelle Begleitung, Zuversicht und Vertrauen sind keine Kuschelparolen! Das sind existenzielle Voraussetzungen für das Gebären an sich.

Das fast lautlose Sterben der Geburtshilfe

Summiert man die immer wieder angegebenen Gründe für die Schließung von Kreißsälen, so zeichnen sich drei Hauptargumente ab. Kleinere Krankenhäuser mit wenigen Geburten pro Jahr, können die Qualität nicht mehr gewährleisten; es gibt zu wenig Geburten und zu wenig oder gar keine Hebammen und Belegärzte mehr.

Dass kleinere Kliniken immer qualitativ schlechtere Versorgung anbieten, scheint ja nun teilweise entkräftet zu sein, denn die Daten, auf denen diese Aussage beruht, stammen aus den 90er-Jahren und NUR aus Hessen und bezogen sich NUR auf Frühgeburten. Von Verallgemeinerung auf alle Geburtskliniken in Deutschland kann man da also Abstand nehmen.

Hebammenmangel und sogar auch Belegärztemangel sind Phänomene, die sich irgendwer ausgedacht haben muss. Denn seit Jahren werden an dieser Stelle politisch die Scheuklappen aufgesetzt oder man orientiert sich an Daten, deren Erhebung Jahre zurückliegt. So geschehen auch in einem Post des Bundesgesundheitsministeriums auf Facebook im Januar 2015.

BMG_01-2015-web
Als dritter Grund wurden immer wieder zu wenige Geburten angegeben. Das würde sich nicht rechnen für die Klinik, deshalb verzichtet man doch besser auf die Geburtshilfe vor Ort, besser noch, man verzichtet auf die gesamte gynäkologische Abteilung. Es ist einfach wirtschaftlicher den Blick gen Geriatrie zu richten und die Klinik mit geriatrischem Ausbau zu erweitern. Denn das zahlt sich aus, obwohl das dann manchmal auch ein wenig traurig macht.

Unsere Gesellschaft wird immer älter und die Frauen sind geburtsmüde, sie schaffen es nicht die Differenz auszugleichen, die zwischen Sterberate und Geburtsrate seit Jahren besteht. Das wird sich auch zukünftig nicht ändern, wie demografische Vorausrechnungen ergeben haben. Im Moment stabilisiert sich die Geburtenrate nur. Und genau diese statistischen Berechnungen liegen in Stein gemeißelt seit Jahren den Krankenhausplänen der Bundesländer zu Grunde. In diesen Krankenhausplänen wird wegweisend u.a. die Bettenzahl der Kliniken definiert, die strategische Grundausrichtung der Kliniken besprochen und die Reduzierung der Anzahl der Kliniken abgeleitet. Mit Erfolg. Die Kliniklandschaft und deren Angebot ist bundesweit ausgedünnt worden, besonders die Geburtshilfe wurde drastisch wegrationalisiert. Stattdessen setzt man auf große Klinikzentren mit einem Multiangebot an Dienstleistungen.
Für die Geburtshilfe heißt das: Zentralisierung statt Flächendeckung. Und so müssen schwangere Frauen schon Wege bis 60 PKW Minuten zur nächsten Klinik mit Perinatalzentrum auf sich nehmen, um ihr Kind zu gebären. Die kleinen Vor-Ort Krankenhäuser, welche die Grund- und Regelversorgung sicherstellen sollten, sind ja nun von der Geburtshilfe entbunden worden oder ganz geschlossen. Argumentativ geschieht das zum Wohle von Mutter und Kind. Denn eine Klinik mit Perinatalzentrum ist das Nonplusultra der Geburtshilfe und bietet die höchste Sicherheit bei der Geburt. Gebären ist nach wie vor megagefährlich. Die Frauen sind ja schließlich immer älter bei der Geburt ihrer Kinder, oft auch noch zu dick und zu doof sowieso.

Der Dominoeffekt – Detailblick Zentralisierung der Geburtshilfe

Da NRW keine Ausnahme ist, sondern stellvertretend für alle Bundesländer stehen kann, schauen wir uns jetzt mal genauer an, wie das mit den Geburten in so einer zentralisierten Klinik ist. Ein Beispiel aus der AKTE NRW: Im Landkreis Coesfeld, das ist im Regierungsbezirk Münster, wurden in den letzten Jahren zwei von drei geburtshilfliche Einrichtungen geschlossen. Eine Klinik mit Geburtshilfe für den gesamten Landkreis verblieb. Sie verfügt über ein Perinatalzentrum Level 1. Im Landkreis gibt es durchschnittlich 1660,80 Geburten pro Jahr. Die durchschnittliche Fallzahl frühgeborener Kinder der Klinik beläuft sich auf 42 Kinder. Das sind 2,53% frühgeborene Kinder und 97,47% Kinder, die ihre vollständige Reife erreicht haben und eine Spezialversorgung in einer Fachklinikum nicht brauchen.
Nun wird es Unterschiede zwischen den Landkreisen und Städten geben in Bezug auf die Anzahl der Frauen, die eine Spezialversorgung ihrer Kinder nicht oder doch benötigen. Aus 97% können lokal gesehen auch 85% werden, oder aus 2,53 % Frühgeburten könnten auch 10% werden. Unabhängig davon, müssen also nun die meisten Frauen länger fahren, bis sie eine Klinik erreichen. Für alle, die wissen, wie es sich anfühlt mit Wehen im Auto zu sitzen: länger heißt nicht nur mehr als ca. 30 Minuten, länger heißt auch, gegebenenfalls den ganzen Fahrweg nochmals zu absolvieren, weil die Wehen nicht ausreichen, um in der Klinik aufgenommen zu werden, wegen Personalknappheit oder weil die Kreißsäle einfach überlastet sind. Da muss man also wieder zurück nach Hause, um sich zwei Stunden später erneut auf den Weg zu machen. In manchen Fällen werden die Kinder dann im Auto oder im Rettungswagen geboren oder in einem Raum mit Büromaterialien.

Wäre eine gute Versorgung aller Schwangeren nicht diejenige, die infrastrukturell auf beides vorbereitet ist? Eine Versorgung, die für Schwangerschaften mit dem Risiko einer Frühgeburt und für Schwangerschaften und Geburten, die ganz normal ablaufen die besten Möglichkeiten bereitstellt? Sollte die optimale Versorgung frühgeborener Kinder nicht Hand in Hand mit einer optimalen Verfügbarkeit (Flächendeckung) von Geburtshilfe für alle werdenden Mütter gehen?

Der Zweck perinataler Einrichtungen ist, frühgeborenes Leben zu retten. Jedoch geht die Zentralisierung der Geburtshilfe an großen Level-Kliniken mit einer Gefährdung von reif geborenen Kindern einher, da Frauen mit unauffälligen Schwangerschaften dem Risiko langer Anfahrtswege zur nächsten Einrichtung ausgesetzt werden. Sie werden gezwungen, in großen Geburtszentren zu gebären und auf ortsnahe und familiäre Geburtsbetreuung zu verzichten. In eine langfristige Schieflage gerät die außerklinische Geburtshilfe. Kein Geburtshaus und keine Hausgeburtshebammen werden sich in Gebieten niederlassen, in denen keine Klinik in maximal 30 PKW-Minuten erreichbar ist. Sie haben dann für Verlegungen keine Möglichkeit, die Frauen zügig in eine medizinische Versorgung zu übergeben. Das ist der Dominoeffekt, der sich durch Wirtschaftlichkeitsdenken und statistisch-demografische Zahlenschubserei ergibt. Denn Schließungsvorhaben von ortsnahen Kreißsälen orientieren sich nicht an den Geburtenzahlen der Region, sondern an der Auslastung und damit der Wirtschaftlichkeit von Perinatalzentren. Diese hochmodernen und kostenintensiven Einrichtungen brauchen zur Wirtschaftlichkeit hohe Geburtenzahlen.

Die Reproduktionsmaschinen

Ach, was wurde jahrelang gejammert, dass es zu wenige Geburten gibt. Komisch daran ist, dass die Geburtenrate in Deutschland seit Jahren ansteigend ist. Gesamt gesehen erreicht Deutschland 2014 annähernd das Geburtenniveau aus dem Jahr 2002.

Geburten-seit-1991-webUnd diese alten Frauen immer, von denen hört man ja ständig: Frauen, die erst mit 38+ ihre Kinder bekommen und deshalb alles so kompliziert machen….
Ja, diese Frauen sind in Wirklichkeit durchschnittlich 29,5 Jahre alt. Beim zweiten Kind oft 32 und beim dritten meist 33 Jahre. Horn alt also, die Töchter der Babyboomer. Daher sind sie und ihre Kinder so gefährdet bei der Geburt.

 

Wer sich seit Beginn des Textes am Wort Reproduktionsmaschinen stört:

Wenn wir Frauen mit unseren multiplen Persönlichkeiten nur noch unter dem Aspekt unserer Verwertbarkeit gesehen werden, unsere ureigene Fähigkeit – das Gebären, programmiert und fremdgesteuert vonstattengeht und die Geburt unserer Kinder nur noch der wirtschaftlichen Optimierung unterliegt, dann reden wir über Maschinen, nicht mehr über Menschen. Familien- und gesundheitspolitisch wird seit Jahren geschraubt und gebastelt, damit diese Maschinen laufen und zufrieden surren. Seit Veröffentlichung der Geburtszahlen aus 2014, klopfen sich jetzt alle wohlwollend auf die Schultern. Geburtensteigerung – das haben wir gut hinbekommen.

Rückblick der Schließungen im Jahr 2015 und Einblick auf das, was 2016 schließen wird

Landauf, landab: überall das gleiche Thema. Kreißsäle werden geschlossen, Geburtshäuser schließen und Hebammen hängen ihren Beruf an den Nagel. Allein im letzten Jahr wurden bundesweit 22 geburtshilfliche Einrichtungen geschlossen. Das klingt erst mal nicht viel – bundesweit betrachtet. Nur, rechnet das mal pro Jahr für die letzten 10-15 Jahre hoch. Dann legen sich die Stirnfalten sorgfältig nebeneinander. Zudem: wir stehen nicht am Ende der Schließungswelle, sondern sind noch mittendrin. [Wie das Sterben der geburtshilflichen Einrichtungen in den vergangenen 15 Jahren in NRW aussah, kann man sich auf dieser Karte ansehen.]

Die meisten Schließungen von geburtshilflichen Einrichtungen trafen die Bundesländer Bayern, NRW und Rheinland-Pfalz.

Here are the results 2015: germany 22 points                                         [Klick auf die Karte]
[ohne Garantie auf Vollständigkeit | Stand der Recherche: 31.01.2016]

kreisssaalsterben2015_aberwehe

Wer es gern ausführlicher braucht, folgt diesem Link.

 

Und nun zu den aktuellen Schließungsvorhaben und Schließungen 2016

«NRW| Solingen: St. Lukas Klinik: Geburtshilfe schließt am Samstag

«Sachsen | Chemnitz: Geburtshaus in Chemnitz steht vor Schließung in diesem Sommer

«Bayern| Illertissen: Geburtshilfe in Illertissen vor dem Aus

«Rheinland-Pfalz | Zweibrücken: Droht der Gynäkologie das Aus?

«NRW | Aachen: Geburtsklinik am MZ steht vor dem Aus

«Niedersachsen| Göttingen: Krankenhaus Neu-Mariahilf ohne Geburtshilfe

«Bayern | Füssen: Geburtshilfe in Not

«Baden-Württemberg | Lörrach: Geburtshaus Lörrach schließt zu Ende Juni 2016

«Hessen| Groß Gerau: anstehende Fusion – bald keine Geburtshilfe mehr in Groß Gerau

«Niedersachsen | Burgwedel: Schließung des Krankenhauses droht


Wer den Text bis hierhin geschafft hat: Glückwunsch!

Zum Schluss gönne ich Euch jetzt noch ein paar Minuten Entspannung beim Nachdenken darüber, warum die meisten Gutmenschen in Deutschland Frauen unter 45 Jahren sind.

Falls die Klinik für Geburtshilfe oder das Geburtshaus in Eurer Gegend 2015 auch geschlossen hat, aber nicht in dieser Auflistung auftaucht, dann schreibt mir bitte. Ich bedanke mich vorab für Eure Hilfe.

Silke, von Elternstimme sichereGeburt

 

6 Kommentare

  1. Ganz toll geschrieben! Es ist ein Jammer , dass sich die Politik und auch ein Großteil der Gesellschaft vor diesem Problem die Augen zuhält.

    Ein Grund mehr sich zu engagieren, z.b. über motherhood.

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    1. Es ist dringend an der Zeit sich zu engagieren. Die Elterninitiativen und Vereine brauchen Eure Unterstützung.
      Zum Beispiel diese hier:
      Greenbirth (www.greenbirth.de/)
      Mother Hood (/www.mother-hood.de/)
      Geburt e.V. (www.geburt-ev.de/)
      Happy Birthday (www.happybirthday-deutschland.de/der-verein/)

      ISPPM e.V. (http://www.isppm.de/)
      Hebammen für Deutschland e.V. (www.hebammenfuerdeutschland.de/) u.a.

      Geht zu den Erzählcafés in Eurre Stadt (http://erzaehlcafe.net/) oder organisiert selbst eins.
      Bleibt zeinah am Thema dran und macht kein Tabu daraus, wenn Ihr Euch mit anderen Eltern darüber unterhaltet.

      Und auch die Elternstimme sichereGeburt kann unterstützt werden 😉

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  2. […] zu Hause oder im Geburtshaus gebären möchte, ist flächendeckend nicht mehr vorhanden. Die Anzahl der Geburtskliniken sinkt, obwohl die Geburtenrate […]

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  3. […] zu Hause oder im Geburtshaus gebären möchte, ist flächendeckend nicht mehr vorhanden. Die Anzahl der Geburtskliniken sinkt, obwohl die Geburtenrate […]

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