Das Vielleicht und das Eventuell

Auf meinem Anti-Stressball beim Zahnarzt gestern Morgen stand „Heute wird ein schöner Tag“. Ich hätte den Ball mitnehmen und nicht mehr loslassen sollen…

Die Schiedsstelle, die nach den abgebrochenen Verhandlungen zwischen dem DHV und dem GKV eingeschaltet wurde, hat gestern die verbindlichen Ausschlusskriterien für Hausgeburten festgelegt.

Drei Tage nach dem Orientierungstermin (ET = Entbindungstermin/ sollte doch besser OT heißen) für Geburtstage der Neuankömmlinge (Geburt der Babys), soll nun der Arzt entscheiden ob eine Hausgeburt durchgeführt werden kann. Zu befürchten ist, dass nur noch wenige (bis keine) Gynäkologinnen und Gynäkologen dem zustimmen werden. Der Grund: Haftungsfragen – eine rein juristische Vorsichtsmaßnahme, die z.B. dem Recht der Schwangeren auf freie Wahl des Geburtsortes gegenübersteht.

Die WHO und der internationale Gynäkologenverband FIGO sprechen erst ab ET + 14 von Übertragung. Alles davor ist die ganz normale statistische Varianz unterschiedlicher Tragzeiten bei Menschen. Das beschlossene Kriterium ist schlichtweg nicht wissenschaftlich belegt.

Also warum das Ganze? Geht es um das Vielleicht, das Eventuell und darum, dass man dem Unvorhersehbaren, dem nicht Kalkulierbaren und auch dem Natürlichen einen Riegel vorzuschieben will? Das ist faktisch unmöglich, und zwar weder in der Klinik, noch im Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt, noch als Alleingebärende.

Was passiert mit den Frauen, die eine Hausgeburt anstreben und ihre Kinder über den Orientierungstermin tragen? Nach Überschreiten des ET wird die Option auf eine selbstbestimmte und natürliche Geburt zu Hause zukünftig wohl in den meisten Fällen abgelehnt werden. Es bleibt nur noch die Klinik. Und hier erwartet die Frauen vielerorts eine Zwangseinleitung ab ET+8 oder schon früher! Selbstbestimmt und natürlich? Davon werden die meisten Frauen nur noch träumen. Wenn sie Glück haben und es sich nicht um einen wirklichen Notfall handelt, der einen Kaiserschnitt zur Folge hat, können sie nach Interventionen noch spontan gebären. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Jetzt bleibt abzuwarten, ob die Hebammenverbände die Entscheidung der Schiedsstelle einfach so annehmen werden, oder ob sie möglicherweise den Klageweg beschreiten wird. Bald werden wir erfahren, wie die Rechte der Schwangeren gewichtet werden.

Als die Pressemitteilung des DHV gestern veröffentlicht wurde, habe ich mich virtuell umgeschaut: Die ersten Reaktionen…

Julia: „Damit werde ich in Deutschland ganz sicher kein weiteres Kind mehr bekommen. Alle drei Kinder sind zu Hause geboren und alle mindestens 7 Tage nach ET…“

Anna: „ich plane definitiv, die Krankenkasse zu verklagen, sollte sie sich beim nächsten Kind weigern, meine Hebamme für eine Hausgeburt zu bezahlen. Ich denke, viele Frauen wären sogar bereit dazu, die Hebamme selbst zu zahlen, allerdings gibt es schon jetzt fast keine Hausgeburtshebammen mehr. Und es werden noch weniger, wenn jetzt die Kassen nicht mehr verlässlich zahlen.“

Bar: „Ich koche vor Wut, was bilden die sich eigentlich ein! Was SOLL das? Sollen die doch in die Vereinigten Staaten schauen, da sieht man innerhalb weniger Rechercheminuten, wo so eine sch..politik hinführt!!!!!!!! Die Frauen- und Kinderleben, die das schlussendlich kosten wird, haben diese Leute auf dem Gewissen!“

Bianca: „Das lasse ich mir nicht vorschreiben. Sollen sie mal beschließen. Dann kriegen wir unsere Kinder eben allein. Lieber allein als mit einer Klinikversorgung, die die Geburt stoppt. Die spinnen doch völlig! Was sind das für skurrile Entscheidungen? Fernab der Realität! Die armen Erstgebärenden. Und unsere armen Töchter!“

Anja: “ Die Schiedsstelle entschied: Ab 1.10.2015 werden Hausgeburten ab ET+3 ohne OK eines Arztes weiterhin von der Kasse bezahlt, aber die Hebamme wird, wenn sie die Geburt betreut, von der Versicherung ausgeschlossen. Langfristig ist absehbar, dass die Kriterien für Geburtshäuser übernommen werden. Damit wäre außerklinische Geburtshilfe abgeschafft.
Weiterhin wird das deutliche Signal gesetzt, dass Geburten ab ET gefährlich sind – Einleitungen und die damit verbundenen Folgen, u.a. Kaiserschnitte und traumatische Geburtsverläufe, werden zunehmen.
Deutschland ist ja soooo familien- und frauenfreundlich.“

Denise: „Ich fühle mich als Frau in meiner Freiheit und meinen Grundrechten beschnitten. Ich möchte keine Kinder mehr, bange aber mit allen und wünsche mir so sehr, das sich das Ruder noch rumreißen lässt. Eine gesunde Schwangerschaft hatte ich nur ohne Arzt. Bei den 2 Fehldiagnosen durch 3D Ultraschall hätte mir niemand den Persilschein gegeben. Mich würde ja auch interessieren, wie die weiteren Kriterien aussehen und was dieser Zwangsbesuch beim Arzt beinhaltet.“

Auf dem Blog Wunschkind-Herzkind-Nervkind gesteht eine Bloggerin: Mein Entbindungstermin ist geschummelt.
„Als ich im April meinen positiven Schwangerschaftstest in meinen Händen hielt, wusste ich schon von diesen, durch die Krankenkasse eingeleiteten, Diskussionen zum Thema Terminüberschreitung. Es war abzusehen, dass hier etwas auf uns zukommen könnte. Ich bekam einen wirklich guten Tip! Schummel beim Entbindungstermin!“

Susanne schreibt bei Geborgen Wachsen: Ratlosigkeit statt guter Hoffnung
„Ich versuche auch hier positiv zu bleiben. Ich hoffe, dass dieser wissenschaftlich auch nicht zu begründenden Entscheidung nicht nachgegeben wird. Ich werde mich nicht beugen und meine Pläne für eine dritte wunderschöne Geburt allein im Kreis derer, die ich dabei haben möchte und kenne, aufgeben. Aber ein Funken der Angst hat sich in meinem Herzen festgesetzt, den ich in meinem Zustand nicht haben möchte. Ich bin schwangere und guter Hoffnung, weil das meine Lebenseinstellung ist. Und ich möchte nicht, dass mir ein Land, ein Urteil und eine unsinnige Entscheidung mein Recht auf gute Hoffnung zerstört.“

Christine formuliert noch mal auf den Punkt: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!
Jetzt hat die Schiedsstelle entschieden. Und ist zu irrsinnigen Ergebnissen gekommen. Warum irrsinnig? Erkläre ich euch!

Und was meint ihr dazu? Wie ist bei euch die momentane Stimmung in Bezug auf diesen Beschluss? Steht die außerklinische Geburtshilfe vor dem AUS? Werden wir zukünftig nur noch Geburten am Klinikfliessband haben?

=> Hinweise<=
Wer sich noch mehr Hintergrundwissen anlesen möchte: Eine genaue Betrachtung aller möglichen Fehlerquellen, die bei der Terminberechnung per Ultraschall entstehen und ausführliche wissenschaftliche und belegte Begründung, warum der ET kein relevantes diagnostisches Kriterium für irgendwas ist und Entscheidungen aufgrund ET fahrlässig sind.

Wer wissen möchte, warum die Regelung das Gebot der Verhältnismäßigkeit, das Selbstbestimmungsrecht der Frau, die Rechte des Kindes, das verfassungsrechtlich geschützte Berufsausübungsrecht der Hebammen und das Gleichbehandlungsgebot verletzt, kann hier noch mal nachlesen.

Mother Hood e.V. formulierte einen offenen Brief an Frau Dr. Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes.Darin enthalten ist auch die Aufforderung, die Positionen in den Verhandlungen mit dem DHV zu überdenken und Ihre Verantwortung für die Zukunft der Geburtshilfe in Deutschland wahrzunehmen!

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